Wo die Orangen blühen...

Es regnet. Regentropfen prasseln in Massen gegen die Fensterscheiben meines kleinen Hotelzimmers... Ich bin nicht gerade begeistert... Gerade, wo ich heute den gesamten Weg bis Larnaca zurücklegen möchte.
Ich frage den freundlichen Hotelbesitzer, ob der Regen heute noch aufhören wird. Er schaut gebeugt aus dem Fenster und sagt nur "I don't think so". Irgendwie hat er in seiner Art und Haltung etwas Verwandtes mit Mr Bean...
Für die einzigen zwei Gäste - mich und eine englische Rentnerin - hat er im viktorianisch eingerichteten Restaurant ein riesiges Buffet aufgefahren. Unglaublich. Noch unglaublicher finde ich es, dass er nach dem Frühstück tatsächlich nur 11 Cyprus Pound von mir für diese recht noble Übernachtung haben möchte. Diesen Preis hätte ich in Troódos sicher nicht bekommen - wenn denn eines der Hotels geöffnet gewesen wäre...


So wünscht man sich den Morgen: Regen...

Trotzdem liegt Pano Platres noch auf einer beträchtlichen Höhe. Die Straße fällt dermaßen steil bergab in das Tal, dass ich immer wieder anhalten und die Temperatur meiner Felgen fühlen muss. Das ein oder andere Mal verbrenne ich mir dabei fast die Finger. Um das der Schläuche zu verhindern, bremse ich vorerst nur noch mit jeweils einer Bremse und lege dazwischen Zwangspausen ein.


Natur

Und - oh Wunder! - je tiefer ich komme, desto mehr scheint die Sonne! Die Wolken stauen sich lediglich oben an den Berghängen auf und regnen sich dort ab.
In Trimīklīnī verlasse ich die Nationalstraße wieder und suche mir einen Weg durch die südlichen Ausläufer des Troódos nach Osten. Immer wieder gibt es teilweise recht heftige Anstiege zu bewältigen. Langsam verziehen sich die Regenwolken und es wird schöner.



Ich mag es kaum glauben: In unzähligen Orangenhainen zwischen den Dörfern hängen fette reife Orangen an den Bäumen! Eine perfekte Erweiterung für meinen Speiseplan. War es nicht gerade erst gestern, dass ich mich von nahezu gefrorenen Weintrauben und Kürbiskernen ernährt habe und mit Kälte und Schnee zu kämpfen hatte?
Immer noch wollen die Anstiege kein Ende nehmen. Wo ich längst eine Abfahrt zur tieferen Küstenregion erwartet habe, geht es immer weiter und weiter bergauf. Einige Kilometer hinter Vavla geht es endlich rasant bergab und ich werde mir spektakulären Ausblicken auf das Tiefland und die Küste belohnt.
Mein Magen knurrt schon seit Stunden, als ich in Choirokoitia endlich auf ein nettes kleines Restaurant treffe. Für die letzten Kilometer schlage ich mir noch in alter Manier aus Nordzypern ordentlich den Bauch voll. Mit Erschrecken muss ich danach wieder feststellen, wie teuer mich ein Essen in einem südzypriotischen Restaurant zu stehen kommt. Deutsche Preise stehen dem in nichts nach.


Schilderwald?

Noch ein paar kleine Steigungen und sämtliche Strapazen aus dem Troódos sind vergessen. Mit gutem Rückenwind und leichtem Gefälle komme ich sehr schnell voran. Es wird auch Zeit. Die Ausläufer des Troódos haben weitaus mehr Zeit in Anspruch genommen, als gedacht. Es beginnt bereits zu dämmern. Bis zu meinem Ziel, einer Tauchbasis hinter Larnaca sind es immer noch knapp 30 Kilometer.


Salzsee bei Larnaca

Vor Larnaca wird der Verkehr merklich dichter. Ab dem Airport fahre ich wieder zwangsläufig die gleiche Strecke, auf der ich nach meiner Ankunft in Zypern die ersten Kilometer zurückgelegt habe. Wieder herrscht in Larnaca selbst großes Verkehrschaos und komme ich mit dem Fahrrad mit vielen Schlangenlinien zwischen Autoschlangen schnell durch die Stadt.
Nördlich von der Stadt führt die stark befahrene Straße durch ein Industriegebiet und wird an mehreren Stellen von kilometerlangen Baustellen unterbrochen. Die vielen LKW-Fahrer und sonstigen Autofahrer sind nicht gerade begeistert davon, dass sie aus Platzmangel zum Überholen einige Kilometer hinter mir bleiben müssen. Die Fahrt wird nervenaufreibend. Inzwischen ist es ganz dunkel und immer wieder versuchen sich LKWs oder Autos in Zentimeterabstand an mir vorbei zu quetschen.

Erschöpft erreiche ich endlich die namenlose Touristenmeile zwischen der britischen Militärbasis und Larnaca. Überall Hotels, Bars, Restaurants, Supermärkte mit Postkarten... aber kein einziger Tourist! Zum Glück habe ich gerade noch stark genug in die Pedale getreten, um hier anzukommen, während die Tauchbasis schließt. Dort komme ich mit einem Alfons, einem netten Österreicher ins Gespräch. Mit ihm werde ich morgen auf Tauchgang gehen können. Sonst ist hier nichts los - ich bin der einzige Kunde.
Wo allerdings etwas los ist, das ist auf dem Meer: Den ganzen Tag habe ich schon die Wellenkämme erkennen können. Alfons berichtet mir davon, dass es bis zu 5 Meter hohe Wellen gibt, was einen Tauchgang vom Boot nahezu unmöglich machen würde. Man könnte vom Boot erschlagen werden. Damit besteht die Gefahr, meine favorisierter Tauchspot, das berühmte Wrack der Zenobia, morgen nicht angefahren werden kann. Verdammt! Wir müssen bis morgen abwarten und uns gegebenenfalls eine Alternative aussuchen...
Wovon ich allerdings heute restlos begeistert bin, ist das Appartement, welches mir von der Tauchschule für 12 Pound pro Nacht organisiert wurde. Normalerweise würde man hier mindestens 25 Pound bezahlen - wenn man nicht so total abseits der Saison käme wie ich.
Als ich die Tür von dem erwarteten "Zimmer" aufschließe, stehe ich mit meinem Fahrrad vor einer komplett eingerichteten Wohnung, die größer als meine Wohnung zu Hause in Paderborn ist! Na, hier lässt es sich leben...

Tag 12:
Pano Platres - Touristenmeile nördlich von Larnaca


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