Jagd auf Radfahrer?

Es geht weiter. Am Morgen verabschiede ich mich von Nina, Kristina und Savako und mache mich wieder auf den Weg.
Bevor ich an meinem vorletzten Urlaubstag noch in Larnaca Tauchen gehe, möchte ich noch zwei - relativ extreme - Tagesetappen durch den Troódos in Südzypern machen. Bisher habe ich diese Landschaft nur aus der Ferne gesehen und vor meiner Abreise möchte ich sie auf jeden Fall einmal gesehen haben. Mein Ziel ist noch nicht ganz klar. Der Ort Troódos ist sicherlich zu weit entfernt, aber um Agios herum wird sich schon etwas zum Übernachten finden lassen.


Auf dem Highway A9

Doch erst einmal gilt es die Ausfallstraßen von Lefkosia unbeschadet zu überstehen. Der Verkehr ist extrem dicht und die Auf- und Abfahrten der Autobahnen stellen meine Nerven auf eine harte Probe. Zu allem Überfluss liegt mein Lenker bei niedrigen Geschwindigkeiten wie Gummi in den Händen. So ganz scheint die notdürftig vor der Abreise montierte Gabel wohl doch nicht zu passen...
Dazu sind die Seitenstreifen immer wieder mit nervigen Reflektoren übersät. Habe ich mal nicht die richtige Spur erwischt, werden ich und mein Fahrrad gnadenlos durchgeschüttelt, während einen halben Meter entfernt die LKWs vorbei brettern.


Natur

Vor Agios Varnavas verlasse ich die Schnellstraße. Auf der kleinen Landstraße an Kato Moni vorbei wird der Troódos immer klarer im Dunst zu erkennen. Und jetzt sehe ich auch, was ich mir zugleich befürchtet und erwünscht habe: Auf den Bergkuppen liegt Schnee!
Macht nichts! Ich komme auf den guten Straßen trotz leichter Steigung dermaßen gut voran, dass ich mir ein neues - heute Morgen noch unerreichbar geglaubtes - Ziel setze: Troódos auf 1650 Metern Höhe!
Für eine Tagestour mit Gepäck sind die rund 1800 Höhenmeter (auf etwa 80km) kein schlechter Schnitt. Ich werde es versuchen.
Hinter Xyliatos wird der Anstieg immer extremer und extremer. Ich tauche in gut riechende Kiefernwälder ein und mache neben dem Xiliatos-Stausee eine kleine Pause. Ich hätte mehr Proviant einkaufen sollen.
Ich habe schon lange kein geöffnetes Restaurant oder einen Laden gesehen. Das Einzige, wovon ich mich den Rest des Tages ernähre, sind türkische Kürbiskerne, die ich auch noch einzeln von ihrer Schale befreien muss. Nun ja... Not macht erfinderisch...

Richtig extrem wird der Anstieg erst im Dorf Saranti. Die Steigungen nehmen derart extreme Ausmaße an, dass ich mein Fahrrad nun tatsächlich schieben muss. Dazu kommt die Kälte. Das Dorf liegt zur Hälfte unter Schnee.
Ich durchbreche also die Schneegrenze. Und nun ist auch noch mein Wasservorrat verbraucht....
Außer ein paar alten Greisen wohnt hier nichts mehr. Die Felder sind verwahrlost.
Was mir allerdings gar nicht so ungelegen kommt, denn an einigen verdörrten Weinreben sind noch einige von der Kälte konservierte Weintrauben zu finden. Der schmecken verdammt gut und löschen gleichzeitig auch ein wenig von meinem Durst.

Meine Hinterradbremse bringt mich langsam zum Wahnsinn. Je langsamer ich mich einen Anstieg heraufquäle, desto lauter quietscht sie. Dazu scheint der Schaden momentan irreparabel, da sie grundsätzlich nur quietscht, wenn ich auf dem Rad sitze. Zum Mäusemelken... So höre ich andauernd ein nervtötendes "UIIIIETTT!!! UIIIIIITTT!!! UIIIIIIIIIT", welches zu allem Überfluss noch von den Bergwänden echot - immer wieder von den Gewehrschüssen der Jäger unterbrochen. Es ist Wochenende und da wird auf Zypern mindestens alles gejagt, was vier Beine hat.
Ich bin fix und fertig, als ich endlich den ersten Pass erreiche. Hier geht die Straße von Schnee bedeckten Schotter über. Ich muss dringend mein verschwitztes T-Shirt austauschen, sonst erfriere ich hier noch. Bibber... Auf dem Pass steht sogar ein kleiner Trinkwasserbrunnen. Heißer Cappuccino wäre mir zwar lieber gewesen, aber für den Moment tut's auch eiskaltes Bergwasser.

Plötzlich kommt aus dem Wald eine Hundemeute auf mich zu gerannt.
Ich stelle mich hinter mein Fahrrad und bleibe verdutzt mit der Wasserflasche in der Hand stehen. Die Hunde halten in gebührendem Abstand und laufen hin und her. So irgendwie scheinen sie dich keinen Reim auf mich machen zu können. Was ist hier faul?
Einige Momente später tauchen auf einer Hügelkuppe zwei in Tarnkleidung gekleidete Gestalten mit Jagdgewehren auf. Die beiden sehen mich noch verdutzter an, als ich vorhin die Hunde. Es dauert ein paar Sekunden, bis sie sich verwirrt in die Augen starren und in brüllendes Gelächter ausbrechen. Nun bin ich wieder an der Reihe verwirrt zu sein.
Als die beiden sich wieder gefangen haben, plappern sie irgendwas in Griechisch, bis ich sie darauf hinweise, dass ich Englisch spreche. "Are you ok?" fragt mich der eine kichernd.
Es ist kaum zu fassen! In Hoffnung auf fette Beute sind die beiden dem Quietschen meiner Bremse über sämtliche Berge gefolgt... Hmpf! Vielen Dank auch für die Aufmerksamkeit!
Ein so erbärmlich quietschendes Tier müsste doch eigentlich schon längst halbtot sein! Was will man da noch erschießen?


Zypern? * Sonne?? * 25 C???

Mehr schlecht als recht schlittere ich auf der unbefestigen Piste an einer Bergkante entlang nach Westen. Zu allem Überfluss geht es auf dem letzten Stück noch 1km parallel (!) zur folgenden Straße bergab, bevor ich dort denen gleichen Kilometer (und weitere folgende) wieder bergauf fahren darf. Hier hat ein Verkehrsplaner wohl nicht alle seine Gehirnzellen benutzt...


Wo ist Troódos? Da unten?
Nö, ganz oben links in den Wolken!

Hinter dem nächsten Pass folgt eine lange Abfahrt.
Verwundert frage ich mich, ob ich denn schon über 1650 Meter gewesen sein kann. Der Schein trügt. Und zwar gewaltig!
Im Tal stelle ich fest, dass jetzt erst der richtige Anstieg zu erwarten ist! Es ist schon ein zermürbendes Gefühl, wenn man bemerkt, dass der Zielort bei dem nasskalten Wetter irgendwo hoch oben in den Wolken steckt. Ich könnte wahnsinnig werden! Gerade, weil die Dämmerung bereits eintritt.
Zu Anfang nehme ich das gar nicht so ernst. Ein Blick auf die Karte: Ach... nur noch 7km? Na, das ist doch ein Klacks!
...


Es wird dunkel

3km und eine Stunde später sehe ich den "Klacks" mit etwas anderen Augen. Keuchend stehe ich neben einer riesigen verlassenen Asbestmine und muss wieder einmal verschnaufen. Der Anstieg nimmt und nimmt kein Ende. Es wird dunkel und immer kälter. Je höher ich komme, desto höher wird die Schneedecke.
Eine weitere Stunde später: Immer noch kein Ende in Sicht. Ich fahre durch märchenhaft verschneite Wälder und habe kein Auge dafür. Meine Füße frieren, die Hände frieren, das verschwitze inzwischen ekelhaft kalte T-Shirt liegt am T-Shirt und es geht immer noch weiter bergauf! "Ist das nicht extrem ungesund?" frage ich mich. "Egal! Wenn ich erst einmal in der Jugendherberge in Troódos vor einer warmen Heizung sitze, ist alles vergessen."..
Eine halbe Stunde später: Endlich! Der Berg, auf dem Troódos steht, wirkt in der Nacht mit seiner hellen Beleuchtung irgendwie wie eine Szene aus "Begegnung mit der Dritten Art". Unheimlich... Der Schnee ist inzwischen 30cm hoch. Noch ein letztes Aufbäumen, und weiter leitet mich der schwache Schein meiner Fahrradlampe bergauf. Autoscheinwerfer habe ich jetzt schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen...

Der Reiseführer schreibt über Troódos: "Zyperns höchst gelegener Ort (1650 m ü.M.) ist kein herkömmliches Dorf, sondern eine reine Feriensiedlung und Versorgungsbasis für Ausflügler, Wanderer, Skifahrer und Waldhüter. Die Infrastruktur der "Hill Station" drängt sich auf den kaum hundert Metern Hauptstraße zwischen "roundabout" und "triangle"."

Die "Hill Station" wirkt auf mich wie ein Geisterdorf. Gibt es hier denn nichts? Wo sind die erwarteten Hotels, Discos, Restaurants, Skihasen und was man sonst noch so alles von einem verschneiten Wintersport-Ort erwartet?
Ich entdecke sage und schreibe ein geöffnetes Restaurant. Murrend sagt man mir, dass inklusive der Jugendherberge "everything closed" ist. Allerdings gäbe es da das 300 Meter entfernte Jubilee-Hotel, welches immer geöffnet hat. Murrend verabschiede ich mich und sammle für die 300 Meter meine letzten Kraftreserven. Kurz darauf schlittere ich von der Straße runter zum Hotel. Und - was zu einer richtigen Pechsträhne dazugehört - das Hotel ist wegen Umbaumaßnahmen geschlossen!!! Mit nur Mühsam unterdrücktem Zorn frage ich dort jemanden, ob es hier denn nichts mehr zum Übernachten gibt. Er verneint. Hmpf... ich verabschiede mich unfreundlich und bin versucht ihm ins Gesicht zu schreien, wie scheiße ich dieses verdammte Dorf finde. Am besten sage ich im noch, wie sehr ich Südzypern hasse, und dass ich Türken viel lieber habe als Griechen. Und noch vieles mehr - nur so um ein Ventil für meine verdammte Wut zu haben!
Wofür habe ich mich denn bitte unter unglaublichen Strapazen in dieses verschissene Dorf hinauf gequält?

Missmutig setze ich mich noch zehn Minuten in das unfreundliche Restaurant. Nach einem überteuerten pappigen Sandwich und einem "Fruit in Syrup" (jaja, eine Pflaume mit Sirup übergossen auf einem Tellerchen!) mache ich mich wieder auf dem Weg.
Hier im Zelt zu übernachten wäre selbstmörderisch. Dafür habe ich weder die Ausrüstung, noch wird mir das in den verschwitzen Klamotten so gut bekommen. Meine einzige Alternative ist also das zermürbende 500 Meter tiefer gelegene Pano Platres.
Auf der Abfahrt träume ich mit Genugtuung davon, dass dieses dämliche Troódos hinter mir unter einer riesigen Lawine verschwindet.
Allerdings träume ich auch davon, wie ich vor der Abreise meine Handschuhe in der Hand hatte und dachte: "Zypern? Hmm... 25C, Sonne, Strand und Meer? Nee, die Handschuhe brauche ich da doch gar nicht!"
In solchen Momenten könnte ich mich manchmal selbst in den Arsch beißen (wenn ich es könnte...). Die Abfahrt will und will kein Ende nehmen. Die Finger werden Steif vor Kälte, und als ich sie während einer kurzen Pause mit Ausblick auf das hell erleuchtete Limassol in den Hosentaschen auftaue, beginnen die Schmerzen erst richtig.

Es scheinen Ewigkeiten vergangen zu sein, als ich endlich in Pano Platres vor dem geöffneten (!!!) Hotel Minerva stehe. Ich kann man Glück kaum fassen. Jetzt wird nur noch bis zum Umfallen gefuttert und dann geschlafen!!!

Tag 11:
Lefkosia - Pano Platres


Zurück | Übersicht | Weiter