Böse Griechen! Böse Türken!

Wieder einmal ist ein Ruhetag angesagt. Heute möchte ich mir endlich die beiden Konflikt-Museen in Lefkoşa und Lefkosia ansehen und bin gespannt auf die gegensätzlichen Darstellungen.
Beim morgendlichen Gang über den Checkpoint kullert neben mir ein gut gekleideter Geschäftsmann mit Reiseköfferchen vorbei. Er sieht sichtbar angespannt aus. "Vacation?" frage ich ihn ironisch: Er sagt nur kurz angebunden "Business!". Gleich danach erzählt er den Zöllnern große Geschichten, damit er über die Grenze kommt. Ich halte einfach meine Klappe, lasse mir den Stempel setzen, und gehe passiere die Grenze. Man kann es aber auch kompliziert machen...

Mit einem mulmigen Gefühl im Magen muss ich am Eingang der Kaserne meinen Pass beim wachhabenden Soldaten zurücklassen und gehe in das "Museum das Nationalen Kampfes" auf dem Gelände. Ich bin alleine und im ganzen Museum ist kein anderer Mensch zu sehen.
Nach einer Weile bemerkt hinter der Einganghalle im Büro jemand, dass da tatsächlich jemand im Museum ist. Sofort kommt er lächelnd auf mich zugelaufen und begrüßt mich stürmisch. Fast so, als wenn sich hier nur extrem selten jemand blicken lässt.
Er knüpft mir 3.000.000 Lira Eintritt ab und drückt mir alle englischen und deutschen Bücher über den Zypern-Konflikt in die Hand, welche ich gerne haben möchte - umsonst natürlich. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass der Text darin eine leicht politische Färbung aufweist...


Zyperntürkisches "Museum des Nationalen Kampfes"




Das Museum ist auf seine Art höchst interessant. Da stehen Gewehre aus verschiedenen Epochen osmanischen Widerstandes gleich neben Dengtaschs erstem Motorrad und unzensierten Bildern von zerstümmelten türkischen Leichen. Überall liest man unter den Bildern von "mutigen" Türken und "gnadenlos metzelnden" Griechen. Und ein paar Meter weiter stehen Ölgemälde heldenhafter Widerstandskämpfer bei einer riesigen Schautafel über die "Friedensmission" der türkischen Truppen im Jahr 1974. Man kann diese ganzen Darstellungen sicher schnell als gröbste Propaganda hinnehmen, ein bisschen Wahrheit wird in einigen Darstellungen aber sicher dennoch drinstecken.
Sehr beeindruckend ist übrigens auch die riesige Gedenktafel mit den türkischen Opfern. So viele "Mehmets" und "Hassans" habe ich noch nie gesehen... Sicher muss man die Eindrücke erst einmal sacken lassen...

Liebe Grüße aus Nordzypern!
"Hallo Tante Soundso!
Die Sonne scheint, wir haben 25 Grad, dat Wasser is wunderbar, dat Essen im Hotel ok... und die Postkarten... äh, naja..."



Nachdem ich das Museum verlassen habe, gehe ich noch einmal zu dem kleinen Markt in der Tiefgarage. "Ah! Alemanya! Beckenbauer!". Man erinnert sich meiner - so in ungefähr zumindest...
Ich muss auf jeden Fall noch ein paar von den teilweise sehr nett anzusehenden Postkarten kaufen. Ich gehe in einem kleinen, extrem billigen, aber auch hygienisch wenig beeindruckenden Restaurant in einer Seitenstraße etwas futtern. Dabei beginne ich ein paar der Postkarten auszufüllen. Vom Süden werde ich solche Arten von Postkarten sicher nicht abschicken dürfen. Vom Norden allerdings kann ich zwar Postkarten schicken, allerdings ist die Deutsche Post nicht dazu verpflichtet diese Karten auch zu verschicken. Nordzypriotische Briefmarken sind in Deutschland und allen anderen Ländern der Welt (außer der Türkei natürlich) nicht anerkannt.


Selimiye-Moschee

Beim Gang über den Checkpoint habe ich Glück, dass die griechische Zöllnerin nicht in den Zwischenraum meiner Lenkertasche sehen will. Dieses Mal habe ich dermaßen viel "Propagandamaterial" dabei, dass sie wohl ein wenig ranzig geworden wäre...
Zurück in Lefkosia fragt mich ein netter Passant, ob er mir beim Lesen im Stadtplan helfen kann. Er weist sich als Touristenführer aus, und möchte mir viel lieber ans Herz legen, mir das Nationalmuseum anzusehen. Er kann es nicht verstehen, dass ich mir das "Museum des Befreiungskampfes" ansehen möchte. Kaum hat er mich hinter der nächsten Biegung aus den Augen verloren, drehe ich wieder um.
Dumm nur: Das griechische "Museum des Befreiungskampfes" hat 15 Minuten vor meiner Ankunft geschlossen. Wirklich ärgerlich!





Also behelfe ich mir damit, dass ich auf das höchste Gebäude in der südlichen Innenstadt gehe: Das Ledra Museum - Observatory. Der Aussichtspunkt hier wirkt schon weniger provisorisch als der im Norden der Stadt. Gleich am Eingang muss man sich eine "Eintrittskarte" kaufen und durch die Fenster hat man bei entsprechendem Sonnenstand einen sehr guten Blick nach Norden. Das ausliegende Infoheftchen informiert den Touristen:
"Sie können, vom Aussichtsturm des Shacolas Tower aus, Ihren Blick auf eine entwickelte Stadt im Süden, Osten und Westen richten, verglichen mit dem Unglück, das die Besatzung im Norden herbeigeführt hat."
Hmm... um Süden sehe ich eine mit Neubauten (wie in Spanien) übersäte Stadt, im Norden dagegen eine "historisch belassene" Altstadt...

Tag 10:
Lefkoşa / Lefkosia


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