Abgeschleppt

Wie war das noch? Man sollte Gegenwind in Reiseberichten einer Radreise am liebsten aussparen? Hmm, dann könnte ich wohl zu diesem ganzen Tag hier nichts schreiben. Es geht also nicht anders...


Vom Wind zerrissenes Straßenschild

Alles beginnt damit, dass für meine heutige Route zurück nach Nikosia nur eine Strecke in Frage kommt: Die Autobahn. Der Umweg durch den Norden wäre zu groß und durch den Süden gibt es keine Strecke, welche nicht von Militärs versperrt wäre - egal ob türkischen, griechischen oder britischen Soldaten - auf der südlichen Route hätte man das volle Sortiment.
Ich muss mich also damit abfinden, dass ich die nur 60km nach Nikosia auf der Autobahn zurücklegen muss. Dies wäre auch mit einer üblichen Stärke an Gegenwind gar nicht mal das Problem. Allerdings besitzt der Gegenwind in dieser Gegend eine so unglaubliche andauernde Stärke, wie ich es höchstens einmal für 10km am Lago Titicaca erlebt habe. Die Autobahn verläuft in Ost-West-Richtung durch die Mesaoria. Dabei handelt es sich um eine kahle Ebene zwischen dem Tróodos-Gebirge im Süden und dem Keryneia-Gebirge im Norden.
Und ausgerechnet heute bläst ein kräftiger Wind aus Westen, kanalisiert durch die beiden Gebirge, über die Ebene. Ich stemme mich in meine Pedale, doch es wirkt nichts. Ich fahre im Stehen, lasse das eigene Gewicht Zug um Zug auf die Pedale drücken, doch auch das hilft nichts. Es ist zum Mäusemelken!
Schon nach etwa 8 Kilometern bin ich dermaßen zermürbt, dass ich mein Fahrrad wutentbrannt auf den Asphalt schmeiße und mich daneben setze. Trotzdem zerrt dieser verdammte Wind noch an mir weiter und versucht mir die Kartentasche zu entreißen. Ein Lieferwagen kommt mich Lichthupe angerast. Will er mich mitnehmen? Mein Stolz ist zu groß und ich winke ihn vorbei. Zermürbt rechne ich im Kopf aus, ob ich Nikosia bei dieser Geschwindigkeit (ich schätze, dass es keine 5km/h sind) noch vor der Dunkelheit erreichen werde. Meine Chancen stehen schlecht.

Zur etwa gleichen Zeit steht Nina in Nikosia auf dem Dach der Deutschen Botschaft und versucht das Satellitentelefon wieder zum Laufen zu bekommen (Deutsche Botschaften besitzen in der Regel ein Satellitentelefon, damit auch in Krisenlagen, in welchem in einem Land das Telefonnetz zusammengebrochen ist, eine Verbindung nach Berlin gewährleistet ist)
Nachdem sie die Verbindung zu einem Mitarbeiter nach Berlin aufgebaut ist, fragt sie ihn, ob er sich nicht ein wenig beeilen kann. Es ist kalt!
"Wie? Bei Ihnen ist kalt? Sind Sie nicht in Zypern?!"
"Ja schon, aber hier sind es 8 Grad und Sturm!"
Und hier ein paar Bilder wie "romantisch" es von Dach der Botschaft aussieht, während 50 Kilometer entfernt ein armer Reiseradler gegen den Wind ankämpft:





Ich sitze wieder auf meinem Fahrrad. Im Laufe der Zeit schweifen meine Gedanken ab. Ich denke kaum noch an den Wind, nur immer wieder eintretende kräftige Böen reißen mich aus meinen Tagträumen.
Wenige Kilometer und Stunden später: Es scheint wieder einer dieser Tagträume zu sein, als plötzlich vor mir ein Abschleppwagen auf dem Seitenstreifen anhält. Der Fahrer steigt aus und sagt mir nur kurz "Come up". Keine Widerrede.
Ohne Worte heben wir mein schweres Rad auf die Ladefläche, binden es in einer gewagten Konstruktion mit Packbändern fest und setzen uns ins Führerhaus. Beim Blick auf die unzähligen, an uns vorbeiziehenden Mittelstreifen auf dem Asphalt, welche ich vorher in langen Abständen einzeln gezählt habe, bessert sich meine Laune wieder. Ich bedanke mich bei dem Fahrer, einem jungen 26-jährigen Festland-Türken. Er redet wenig und steckt eine Kassette mit trällernder Türkischer Musik in das Radio. Es scheint für ihn das Selbstverständlichste zu sein, Reiseradler auf dieser Strecke aufzugabeln (obwohl ich auf ganz Zypern noch keinen einzigen gesehen habe). Und irgendwie bin ich ihm auch dankbar darüber, dass er mir keine Wahl gelassen hat und meinen Radfahrer-Stolz einfach überrumpelt hat.


Abgeschleppt

Ein paar Kilometer vor Lefkoşa setzt er mich an einer Autobahnabfahrt ab und fährt weiter nach Havaalani. Der Verkehr wird merklich dichter.
In etwa einer Stunde schaffe ich es dann tatsächlich einen Weg quer durch verschiedene Vorstädte zum Ledra Palas zu finden. Allerdings nicht, ohne mehrmals vor abgesperrten Straßen Süden zu stehen.
Wieder durchquere ich langsam die UN Buffer Zone und zum Ersten Mal in meinem Leben wird an einem Grenzübergang mein Gepäck kontrolliert. Die griechische Zöllnerin fordert mich auf alle Taschen zu öffnen. Nur in die Lenkertasche mit den türkischen Landkarten und den als Souvenirs gesammelten türkischen Propaganda-Flyern und Postkarten will sie keinen Blick werfen. Glück gehabt!


Ledra Palas

Noch vor Ninas Feierabend komme ich bei der Deutschen Botschaft an. Sie und ein paar andere Angestellte machen gerade Pause und sofort lässt man mich durch die verschlossenen Türen in die Küche und fragt mich: "Du bist doch Sascha, oder? Von dir haben wir schon viel gehört." Ähem, hoffentlich nur Gutes...

Mein armer Magen hat den ganzen Tag nichts zu Essen bekommen, doch das wird am Abend locker wieder wettgemacht. Nach einer heißen Dusche fühle ich mich gleich viel besser und zusammen fahren wir drei zu einem Grillhaus. Nina wurde von einem Professor Doktor Irgendwasdopoulos eingeladen, der sie gerne als Sprechstundenhilfe in seiner Praxis gehabt hätte (ich konnte mir griechische Namen noch nie gut merken...).
Und da Herr Irgendwasdopoulos so nett war Kristina und mich ebenfalls mit in die Einladung einzubeziehen, gibt es noch eine nette Runde, bei der wir weit mehr Essen aufgetischt bekommen, als wir überhaupt essen können. Lecker...

Tag 9:
Gazimağusa - Lefkosia


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