Die tote Stadt

In Unterhose sitze ich am Fenster und knabbere Kürbiskerne vor mich hin. Es ist kalt, eine Heizung gibt es nicht und der Regen draußen hört nicht auf. Wie gut, dass ich mir heute einen Pausentag gegönnt habe. Dass dieser allerdings so verregnet ist, macht mir einen Strich durch die Rechnung. Im Reiseführer steht geschrieben, dass es auf Zypern grundsätzlich nur "kurze, sintflutartige Regenschauer gibt" und die Sonne danach wieder zum Vorschein kommt. Dieser "kurze Regenschauer" dauert nun schon seit vielen Stunden an und der mit ihm einher kommende Sturm heult um die Wände. Die Laune ist auf dem Tiefpunkt, ich knabbere Kürbiskern um Kürbiskern und blicke weiter nach draußen. Über mir läuft in Dauerberieselung das türkische Fernsehen. Dabei wollte ich heute so viel von dieser Stadt sehen...
Es hilft alles nichts - mein Frühstück kann nicht nur aus Kürbiskernen bestehen. Widerwillig ziehe ich mir die noch nasse Regenjacke über und mache mich auf den Weg.


Zentrum von Gazimağusa

Die Innenstadt wirkt wie ausgestorben. Obwohl der Sonntag eigentlich ein christlicher Feiertag ist, sind fast alle Läden geschlossen. Mal ganz davon abgesehen, dass die Altstadt Gazimağusa sowieso schon ziemlich ausgestorben wirkt. Nirgends kann man besser sehen, wie sehr der Bauboom der 70er an Zypern vorbeigegangen ist. Historische Ruinen liegen brach. Nirgends wird für ein solches Bauwerk Eintritt verlangt. Wieso auch? Touristen gibt es hier auch keine. Dazwischen sind immer wieder mit Gras und Bäumen bewachsene Parzellen zu sehen wo früher einmal Gebäude standen.

Ein Polizist sperrt plötzlich vor mir die Straße mit Absperrband ab. Auf einmal sind auch mehr Menschen zu sehen. Irgendwas ist hier los. Nur was? Gespannt stehen sie alle am Straßenrand und scheinen auf etwas zu warten. Ich frage ein paar Jugendliche, auf was sie den warten. "A Rallye" antworten sie mir in holprigem Englisch. What kind of rallye?" frage ich "cars, bicycles...?".
Daraufhin können sich die Jungs kaum halten. Fahrräder?! Für eine Rallye?! Der Gedanke amüsiert sie offenbar sehr. Welcher Idiot käme auch schon auf die Idee, mit Fahrrädern ein Rennen zu veranstalten!
Kurz darauf kommt der erste Rennwagen mit knatterndem Auspuff angerauscht und quietscht auf dem nassen Asphalt um die Kurve. Sofort leuchten die Augen - egal ob groß oder klein. Die Foto-Handys werden gezückt und danach mit fachmännischem Blick die Fotos diskutiert. Kurz danach schlüpfen die ersten Leute schon wieder unter den Absperrbändern durch und wechseln die Straßenseite. Die Aufseher sehen weg.
Ein paar Minuten später hört man, wie der Aufseher in der nächsten Kurve seine Trillerpfeife betätigt. Schnell hüpfen die Letzten wieder hinter die Absperrung und in Sekunden rast der nächste Rennwagen um die Kurve.
Hier ewig zu stehen, um alle zwei Minuten einen Rennwagen über den nassen Asphalt brettern zu sehen, erscheint mir doch ein wenig langweilig. Ich verlasse die Altstadt, während hinter den Mauern weiterhin die knatternden Auspuffrohre zu hören sind.


Grand Prix von Gazimağusa?

Am Hafen entlang gehe ich nach Süden: Zu den Resten einer Stadt, dessen Gigantomanie mit der von S'Arenal auf Mallorca einmal gleichauf lag: Varósha
Bis 1974 war Varósha neben Mallorca und Rimini eine der großen Urlaubsdestinationen am Mittelmeer. Auf mehreren Kilometern Sandstrand reihte sich ein Bettenbunker reihte sich an den nächsten. Der Michael Müller Verlag schreibt in seinem Zypern-Reiseführer:

Als die türkischen Truppen 1974 auf Famagusta vorrückten, flohen die 40.000 zyperngriechischen und europäischen Bewohner und Urlauber in Panik auf die britische Basis Dekélia. Doch der türkische Operationsplan sah die Besetzung Varóshas gar nicht vor. Der Generalstab suchte den schnellen Raumgewinn, nicht langwierige Straßenkämpfe Block um Block. Erst drei Tage nach dem Waffenstillstand "eroberte" eine Patrouille von drei türkischen Soldaten Varósha. Die schwedischen UN-Truppen blieben untätig.
(...)
Schon vor der türkischen Besetzung nannte ein führender Beamter der zyperngriechischen Tourismusbehörde CTO Varósha eine "Problemzone" und "architektonische Umweltverschmutzung". Um so mehr muss aus heutiger Sicht eine derart massive Konzentration von nahezu 4.000 Hotelbetten auf engstem Raum als eine von der Verlockung des schnellen Geldes geleitete Fehlentwicklung gelten.
Das Salz frisst am Beton der Hochhäuser, längst ist das Meer in die Keller eingedrungen und nagt an den Fundamenten. Viele Einrichtungen sind geplündert. Geschirr, Möbel, Klimaanlagen, ja ganze Aufzüge wurden in den ersten Wochen abgebaut und verschleppt. Die auffällig vielen Kristallleuchter in den Häusern Famagustas sind Teil dieser Beute. (...)











Es herrscht ein gespenstige Atmosphäre. Der Sturm hat sich inzwischen gelegt und das Meer liegt flach da, wie ein kleiner Binnensee. Oben auf den Zinnen der Ruinen sitzen Raben und Tauben. Alles wirkt vermodert, zerstört, geplündert... Dazwischen kann man - wie konserviert - Restaurants im Stil der 70er Jahre durch die Fenster erkennen.
Schilder und Stacheldraht verbieten das Betreten der "Verbotenen Zone". Selbst ein Baukran steht schon seit 30 Jahren an ein und derselben Stelle, weit hinten in der Stadt. Vom Strand aus kann man einen Blick in dieses bedrückende Szenario werfen - an einem bis ins Meer gezogenen Stacheldraht geht es dann auch hier nicht mehr weiter. Aus seinem provisorisch eingerichteten Aussichtsturm beobachtet mich ein türkischer Soldat mit kritischer Mine. Wie gut, dass ich nur eine kleine Kamera dabei habe...


Zypriotisches Limousinen-Taxi: Der Weg zur Hölle?


"Wie hätten Sie es gern? 3mm oder 6mm?"


Siegesdenkmal

Den Rest des Tages schlendere ich ein wenig durch die Außenbezirke der Altstadt und gehe ins Internet-Café. Am Abend lässt sich dann tatsächlich wieder die Sonne blicken. Das lässt für morgen hoffen.



Am Abend finde ich mich wieder für einen leckeren Raki in der Kneipe ein. Dieses Mal sind zwei weitere Personen dabei, welche offenbar zu den Stammgästen gehören. Ein fast schon seniler Engländer, welcher von seinen Erfahrungen in Arabien mit Kamelen und Iren berichtet und - man höre und staune: Eine kurdische Frau, welche verbissen den Standpunkt verteidigt, dass Kurden nichts anderes als Türken sind. Habe ich schon mal erwähnt, dass Politik auf Zypern eine ziemlich komplizierte Sache zu sein scheint?

Tag 8:
Gazimağusa


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