Vom Winde verweht

Mit traurigem Blick verabschiedet mich Hassan. Doch ich möchte weiter. Ich will unbedingt noch mehr von der Insel sehen. Heute habe ich ein schwieriges Stück vor mir, da ich mangels alternativer Routen die gesamte Strecke bis Ziyamet wieder zurückfahren muss. Inklusive aller Steigungen versteht sich.


Abschied vom Golden Beach

Allein die 20km auf der englischen Kolonialstraße östlich von Dipkarpaz nehmen wieder über 2 Stunden in Anspruch. Der letzte Anstieg vor Dipkarpaz hat es in sich. Am Straßenrand stehen Traktoren und dahinter unter den Olivenbäumen sitzen ganze Familien. Was auf den ersten Blick wie ein Familienausflug ins Grüne aussieht, ist tagtägliche Arbeit. Die Männer schlagen die Oliven vom Baum, welche auf eine darunter ausgebreitete Plane fallen und von den Kindern und Frauen gesammelt und sofort vom Geäst befreit werden.


Englische Kolonialstraße


Hotelruine - Der Tourismus hat sich (noch) nicht durchgesetzt

Dieser Olivenreichtum spiegelt sich auch in meinem Frühstück in Dipkarpaz wieder: Inzwischen habe ich mich an dieses leckere herzhafte Essen jeden Morgen gewöhnt. Neben Weißbrot, deftigem Fetakäse und Gurken ist der halbe Teller mit Oliven gefüllt... Dazu ein leckerer Çay, welcher mich heute wieder "so schnell wie der Wind" machen wird -hoffentlich.
Auf der Dorfstraße flanieren zahlreiche Traktoren mit jungen Türken darauf. Was dem Deutsch-Türken sein BMW, das scheint dem Karpaz-Türken sein Traktor zu sein...


Traktorwettrennen?

Zurück in Richtung Westen folge ich der Straße auf der ich bereits gekommen bin. Anstieg folgt auf Anstieg und wieder passiere ich die Ortschaften Yenierenköy, Yeşilköy und Ziyamet. Bei meinem Weg an einer Polizeikaserne vorbei bekomme ich mehrmals in schlechtem Englisch "Ey boy! Come here!" hinterher gerufen. Mir ist nicht nach Çay in einer Kaserne und ein paar hundert Meter weiter sind die Rufe hinter mir endlich verstummt.


Ach... und 53 Griechen wurden übrigens auch getötet...

Mit Blick auf die Südküste beginnt die Straße auf die andere Seite der Hochebene abzufallen. Am Straßenrand stehen einsame Kartoffel- und Obstverkäufer. Irgendwo treffe ich mitten im Nirgendwo auf einen gut sortierten Supermarkt. Die Regale quälen mich mit ausliegender Milka-Schokolade und anderen Gemeinheiten. Hier gibt es alles, was der Radlermagen begehrt. Dumm nur, dass ich nur noch Geld für eine Schokoladentafel und ein wenig zu Trinken in der Tasche habe.
Der nächste Geldautomat ist noch weit entfernt ist. Hungrig verdrücke ich die paar Errungenschaften bei einer kleinen Pause zwischen Müllansammlungen am Straßenrand. Die Straße wird breiter und ich nähere mich langsam wieder der "Zivilisation".


Allein mit dem Wind

Den Rest des Tages würde man im Leben eines Reiseradlers am liebsten streichen und in Reiseberichten wie diesen verschweigen. Doch es geht nicht anders:
Es beginnt zu regnen und ein kräftiger Wind - natürlich von vorn - kommt auf. Nach und nach wird der Verkehr immer dichter und mehr und mehr LKWs ziehen an mir vorbei, ziehen mich für Sekunden in ihrem Windschatten hinter sich her, um mir dann kurze Zeit später wieder die volle Wucht des Gegenwindes entgegenprallen zu lassen.
Jeder der sintflutartigen Regenschauer macht mich klatschnass und ich friere. Zwischen den Regenschauern beginne ich unter meinen Regenklamotten zu schwitzen, nur um kurze Zeit später durch die Kälte der eigenen Feuchtigkeit wieder zu frieren. Hinter Boğasi folgt die Straße dem Ufer und biegt sich entlang der Bucht von Gazimağusa (Famagusta) langsam nach Süden. Der Wind kommt - trotz aller gegensätzlichen Logik - weiterhin von vorn. Die Straße wird vierspurig. Überall Baustellen für "Unique Villas" und die Luft ist voll von Staub, der mir in die Augen weht. Die Handgelenke werden gefühllos und ich nehme meine Umgebung kaum noch war. Stoisch setze ich meinen Weg am linken Seitenstreifen weiter fort. Ruinenstädte wie Salamis ziehen an mir vorbei und ich nehme sie nicht einmal wahr.

Erst der anspruchsvolle Stadtverkehr der Universitätsstadt Gazimağusa lässt mich aus meinem abwesenden Zustand erwachen. Quer durch stehende Autos und durch einen zähen bis rasanten Verkehrsfluss nähere ich mich der Altstadt. Das typische Chaos südländischen Stadtverkehrs, dem ich mich nur zu gerne anpasse. Vorbei am Siegesdenkmal nähere ich mich einem unscheinbaren Stadttor, welches in die Altstadt führt. Mein Ziel ist eines der wenigen Hotels Gazimağusas: Das Altun Tabya.
Für etwa 20 Euro bekomme ich ein sporadisch eingerichtetes, aber sauberes Zimmerchen mit Doppelbett. Auf dem Flur herrscht das typische Leben von türkischen Kurzzeitgästen, welche scheinbar nur kurz vom Festland zu Besuch sind. De facto keine besonders leise Atmosphäre - wozu die Musikbar unter dem Zimmer beiträgt.

Erleichtert lasse ich mich mit leerem Magen aufs Bett fallen, nur um kurz danach zu realisieren, dass ich heute noch etwas essen muss. Es kostet mich einige Überwindung wieder aufzustehen und mich in den dunklen Gassen der Altstadt nach etwas Essbarem umzusehen.


Der Raki schmeckt!

Viel gibt es nicht. Die extrem wenigen Restaurants sind entweder ziemlich teuer oder so billig, dass kein Platz mehr zu bekommen ist. In einer kleinen Kneipe bietet mir der Besitzer etwas zu Essen an: Eine Portion Spaghetti, die ich dankbar bestelle (besonders, da ich gerade endlich wieder auf einen Geldautomaten getroffen bin). Kaum lasse ich mir die Spaghetti schmecken, schon bricht ein Regensturm los und lässt mich nicht trocken.
Also muss ich mich zu den Saufkumpanen in die Kneipe setzen, was ich eigentlich nicht vorhatte. Mir ist nach der schweren Etappe nicht besonders nach Kommunikation zumute. Doch der Raki - das hochprozentige türkische Nationalgetränk - lockert die Gemüter - auch meines. Fast jeder spricht zumindest ein paar Worte Englisch. Da sind, außer dem Barmann, noch der "Australo-Türke" (er hat eine Zeit lang in Australien gelebt), der deutsch sprechende Raki-Liebhaber und der verrückte Musiklehrer, der andauernd so viele Witze reißt, dass sich der ärmste Barmann andauernd vor lauter Kichern seine Wampe halten muss.
Man verabredet sich für morgen Abend und angeschwippst schlendere ich zurück in mein Hotel, um mich durch das heftige Klimpern der Klaviertasten in den Schlaf wiegen zu lassen...

Tag 7:
Golden Beach - Gazimağusa


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