Zafer Burnu

Heute lasse ich es etwas ruhiger angehen. Bis zum Zafer Burnu, dem Kap Andreas, sind es nur noch etwa 10km. Ich lasse mein Gepäck also bei Hassan im Bungalow zurück und mache mich auf den Weg nach Osten. Oder wie man hier auch sagt, zum: "The End" in Richtung Syrien.


Hassans & Turtles Place

Schäferhund auf Ziegenjagd

Von der Straße bietet sich ein wunderbarer Blick über die riesige Dünenlandschaft des Golden Beach. Die drei oder vier Tavernen in den Dünen sind von hier nicht zu erkennen. Hotels gibt es an diesem wunderbaren Strand bis heute keine. Am ganzen Tag treffe ich auf gerade einmal zwei Mietwagentouristen.
Oben auf dem Berg nickt mir ein Wachposten aus seinem Häuschen zu und blickt mir nach. Warum der hier sitzt? Gute Frage...

Schon aus der Ferne sehe ich das Kloster Apostolou Andrea. Es ist von riesigen, leer stehenden Busparkplätzen umgeben und auf dem Klosterplatz ist ein beachtlicher Souvenirmarkt aufgebaut worden. Fragt sich nur, wofür. Es ist den ganzen Tag kein einziger Reisebus zu sehen.


Monī Apostolou Andrea

Das Kloster selbst sieht schon recht zerfallen aus, auch wenn an der Straße ein großes Schild von "UNHCR-United States of America" von der Finanzierung der Renovierung des Klosters kündet.
Drei alte griechische Greise halten die Stellung und passen auf die räudigen Katzen auf, die hier überall herumstreunen. Im Gegenzug passen zwei türkische Polizisten darauf auf, dass die drei griechischen Greisen keine Dummheiten machen. Und wenn schon - verfolgen könnten sie die drei mit ihrem sich langsam in seine Einzelteile zerlegenden Auto wohl sowieso nicht. So verbringen sie den Tag mit Angeln oder beim Kaffeetrinken mit Souvenirverkäufern.


Gemütliches Polizistenleben

Um das Kloster herum stehen zahlreiche verfallene Appartements. Es sieht so aus, als wenn auch sie noch vor 1974 gebaut wurden und seitdem komplett dem Verfall preisgegeben wurden. Nur wenige hundert Meter weiter wird ein kleines Hotel auf einem Felsvorsprung gebaut.


Lust auf Urlaub?

Auf einer breiten Staubpiste geht es durch die vertrocknete Buschlandschaft weiter nach Osten. Dieses letzte Stück Zypern erinnert mich ein wenig an Bolivien - so verlassen und Rückständig wirkt es hier.
Nach einigen Kilometern über die sehr schlechte Piste erreiche ich "The End". Vollkommen unspektakulär endet hier der "Pankake Handle" Zyperns. Keine Souvenirstände, keine Parkplätze, keine Informationstafeln... Die staubige Piste endet lediglich an einem kleinen Polizeiposten. "Zum Schutz vor syrischen Flüchtlingen", wie Hassan mir erklärt hat. Die vielen wachenden Eidechsen nicht zu vergessen.
Ich klettere auf ein windiges Felsplateau, wo noch zerfallene Überreste einer alten ursteinzeitlichen Siedlung namens "Kastros" vorhanden sind. Damals muss es hier ganz anders ausgesehen haben. Ich kann mir kaum vorstellen, dass in dieser sandigen und felsigen Buschlandschaft steinzeitliche Menschen überleben konnten. Das Felsplateau war sicherlich ein strategisch sehr gut gewählter Ort. Man hat von hier oben alles im Blick und man kann es nur durch einen verborgenen Pfad auf der Rückseite des Plateaus erreichen. Auf allen anderen Seiten fallen sie Felswände steil ab.


Zafer Burnu - The End - Kap Andreas


Man nimmt sich Zeit...

Ich setze mich wieder auf mein Rad und fahre in aller Ruhe zurück zum Golden Beach. Am Kloster sind immer noch keine Touristen zu sehen. Ganz früher muss hier richtig viel los gewesen sein. Alleine schon aus dem Grund, dass die Karpaz-Halbinsel in der Antike sehr dicht besiedelt war. Doch irgendwann trocknete die Halbinsel durch ausbleibende Regenfälle immer mehr aus. Die Zwangsumsiedlung der vielen hier lebenden Griechen in den Süden der Insel gaben dem Karpaz den Rest. Bauernhäuser liegen zerfallen da und Felder liegen brach. Überall sind noch alte Steinmauern zu erkennen, die einmal die Felder voneinander getrennt haben. Doch was der Mensch verlassen hat, holt sich die Natur langsam zurück und die verwilderten Esel beherrschen die Szene auf den brachliegenden Feldern im Innland.
Inzwischen ist der Karpaz ein Nationalpark. Auf dem Papier zumindest... um die Durchsetzung dessen kümmert sich aber niemand. Sollte der Karpaz einmal für den Tourismus entdeckt werden, dann hat man das Papier mit dem Nationalpark sicher wieder ziemlich schnell vergessen...


Himmelbett?

Am Bungalow angekommen setze ich mich erst einmal ein wenig zum Lesen an den Strand. Ich bin nicht allein. Etwa 500 Meter weiter sind drei Leute am Baden. Doch sonst ist hier niemand.
Die Dämmerung setzt schon wieder ein und schnell fegt ein eisiger Wind über den Strand. Ich mache mich auf den Rückweg zum Bungalow.



Doch der Weg zum Bungalow wird mir durch einen Esel versperrt. Ich möchte mich nicht durch die Dornenbüsche schlagen und versuche ihn durch Grimassen und Pfeifen zu vertreiben.
Das beeindruckt ihn herzlich wenig. Er steht stur da, starrt mich an, und antwortet auch noch mit bösen knurrenden Lauten, wie ich sie nie von einem Esel erwartet hätte. So langsam wird mir angst und bange. Können diese dämlichen Esel gefährlich werden?
Ganz plötzlich macht der Esel einen großen Sprung und rennt im Galopp davon. Sekunden später sehe ich den Grund: Hassan's Hund hat meinen Pfiff gehört und setzt dem Esel mit Leibeskräften hinterher. Kaum, dass er ihn vertrieben hat, kommt er zu mir und will sich streicheln lassen. Gerade gestern hat er mich mit meinem Fahrrad noch als bösen Eindringling gesehen und nun hat er plötzlich einen Narren an mir gefressen. Beim Essen kuschelt er mich andauernd an meine Beine und ich muss ihn davon abhalten, mich selbst bis auf die Toilette und in die Dusche zu begleiten. Es scheint fast so, als wenn dem Armen ein wenig Gesellschaft fehlt.

Bei Hassan ist es kaum anders. Seitdem ihn die nette Engländerin gestern verlassen hat, ist er ziemlich niedergeschlagen. Er hätte wohl am liebsten noch etwas mehr Zeit mit ihr verbracht und muss sich nun mit meiner Anwesenheit begnügen. Immer wieder bringe ich zum Ausdruck, dass es mich wundert, dass an diesen Strand nur so extrem selten Touristen kommen. Hassan quittiert das nur mit einem traurigen "I don't care" und versichert mir, dass er sich hier sehr wohl fühlt. Im nächsten Moment fragt er mich, ob ich hier nicht mal ein paar Monate arbeiten möchte. Ich würde eine Bungalow und Verpflegung bekommen und abends könnten wir uns doch immer über Gott und die Welt unterhalten. Doch nun - so vor die Wahl gestellt: Drei Monate an einem wunderschönen Strand ohne Elektrizität und Internetanschluss? Nun, so vor die Möglichkeit gestellt, wird mir bei diesem Gedanken ganz unerwartet doch ziemlich mulmig.
Ich glaube einfach nicht, dass Hassan hier wirklich glücklich ist. Im Sommer, wenn die Schildkröten ihre Eier am Strand ablegen, blüht Hassan als Tierarzt sicherlich richtig auf. Doch was ist mit der Zeit dazwischen?
Seine von ihm geschiedene Frau lebt in Dipkarpaz und immer wieder bringt er seine Wäsche zu ihr.

Heute Abend muss er wieder Wäsche abholen und nimmt mich im Auto mit nach Dipkarpaz. Mit einer für mich rasant erscheinenden Geschwindigkeit von 60km/h holpern wir über die alte Kolonialstraße nach Dipkarpaz. Da Hassans Frau gerade nicht zu Hause ist, verbringen wir die meiste Zeit im türkischen Teehaus; Dabei handelt es sich um eine kleine Gemeindehalle, in deren Zentrum ein riesiger Fernseher steht. Kleine Jungen verteilen kostenlosen Tee und bewerfen mich mit neugierigen Blicken. Niemand kann so wirklich Englisch. Ich fühle mich ein wenig deplatziert und freue mich immer, wenn gerade ein englischer Spielfilm (mit türkischen Untertiteln) im Fernsehen läuft. Bei den Nachrichten verstehe ich langsam immer mehr von dem gesprochenen.
So möchte man zum Jahreswechsel zum Beispiel die 6 "überflüssigen" Nullen bei der Türkischen Lira entfernen. Fernsehmoderatoren überbieten sich in kindischer Freude dabei die neuen Scheine mit den "kleinen Zahlen" in die Luft zu halten. Es scheint unglaublich, dass man mit weniger als einer Million Lira etwas bezahlen kann!

Tag 6:
Golden Beach / Zafer Burnu


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