Stachelige Angelegenheiten

Der Morgen begrüßt mich mit Königswetter. Es ist immer noch windig und kalt, doch von Regen keine Spur.
Schnell schlucke ich mein herzhaft-leckeres Frühstück mit Weißbrot, Ziegenkäse, Gurken, Tomaten, Wurst und süßem Çay herunter und mache mich auf den Weg. Einige Kilometer hinter Kaplıca verlasse ich die Straße und setze meinen Weg auf einem kleinen Feldweg entlang der Küste fort. Erst führt er mit beeindruckenden Aussichten an der Steilküste entlang und windet sich dann langsam ins Kantara-Gebirge hinauf.






Britisches Erbe: Die Jagdleidenschaft

Hinter dem Pass beginnt ein karges Hochland, wo sich kleine Dörfer in den trockenen Feldern verlieren. Aus den Dorfzentren ragen die Minarette kleiner Moscheen heraus und man könnte denken, man befindet sich mitten in Anatolien. In kleinen Bauerndorf Yedikonuk bekommen meine Reifen wieder kurzfristig Asphalt zu spüren. Verängstigte Hunde bellen mich an, und einigen kleinen Jungs fallen bei meinem Anblick fast die Augen aus. Kaum, dass sie sich gefasst haben, rufen sie mir hinterher. Doch da ist der Spuk schon wieder vorbei, und ich verlasse auf dem nächsten Feldweg das Dorf.

Immer wieder gabelt sich dieser Feldweg und so langsam verfluche ich mich dafür, dass ich im Glauben an eine "kleine, übersichtliche" Insel keinen Kompass mitgenommen habe. In der eingeschlagenen Richtung gibt es laut Karte nichts anderes, als das Dorf Balalan. Dieser simplen Logik folgend müsste ich also in der jetzigen Richtung irgendwann dort rauskommen.
Pustekuchen! Irgendwann endet der Weg vor einem kleinen Tal. Ich habe nur noch die Möglichkeit, wieder zur Küste herab in eine Sackgasse, oder zurückzufahren. Doch was ist das dort unten auf den Feldern? Dort sind tatsächlich Bauern und ein Traktor zu erkennen. Der Traktor muss es irgendwie auch da hin geschafft haben. Ich kann allerdings von hier oben keinen Weg in das Tal ausfindig machen. So muss ich wohl in den sauren Apfel beißen und mir selbst einen Weg suchen. Durch kniehohes Dornengestrüpp holpere ich langsam bergab. Wenn es dort unten keinen Weg geben sollte, bin ich aufgeschmissen. Ich habe Sorge, dass mir die scharfen Dornen meine Gepäcktaschen zerschneiden. Doch als ich unten angekommen bin, ist noch alles heil.

Ich kann einen kleinen Weg ausfindig machen, der aus dem Tal herausführt und mich scheinbar in die richtige Richtung bringt. Alles ist wunderbar; bis mich nach ein paar hundert Metern mein Hinterrad eines Besseren belehrt: "Schlabber! Schlabber! Schlabber".
Oh nein! Die Dornen haben zwar meine Taschen nicht zerschnitten, aber dem Schlauch - trotz Kevlar - zwei Dicke Löcher zugefügt. Eine Bauernfamilie im Schatten eines Olivenbaumes beobachtet mich neugierig. Erstaunlicherweise ist es langsam ziemlich heiß geworden.

Kaum 300 Meter später begebe ich mich wieder auf die Suche nach Schatten. Dieses Mal schlabbert der vordere Reifen. Es ist zum Mäusemelken! Nie hätte ich damit gerechnet, dass simple Dornen meinen Reifen so mitspielen können. Zu allem Überfluss bin ich vorher noch in einer schlammigen Pfütze stecken geblieben und der ganze Reifen ist mit zentimeterdickem Lehm bedeckt.

Irgendwann erreiche ich dann tatsächlich Balalan und bin erleichtert. Von nun an kann es wieder auf Asphaltstraßen weitergehen. Dagegen wäre ja nichts einzuwenden - wenn sich die Straße nicht kurz hinterm Dorf den nächsten Berg hinaufschlängeln würde...


Allein mit Atatürk auf weiter Flur

Dann erreiche ich bei Ziyamet endlich wieder eine richtige ausgebaute Straße und über das Hochland geht es zügig voran. Von Yenierenköy verspreche ich mir einen Geldautomaten. Doch auch hier handelt es sich wieder um nicht viel mehr als ein größeres Dorf. Immerhin gibt es hier eine Touristeninformation. "Einen Geldautomaten?" fragt mich der nette Herr belustigt in klarem Englisch. "So was gibt's hier nicht! So was gibt es nur in Girne, Lefkoşa und Gazimağuza." Meine Hoffnungs sinkt, doch dann sagt er mir, dass es hier in der "Stadt" natürlich eine Bank gäbe. Da er sowieso nichts zu tun hat, zeigt er mir eben den Weg. Und das ist auch gar nicht so schlecht:
Alleine hätte ich diese Bank sicher nie gefunden. Es handelt sich lediglich um ein kleines Häuschen mit vergitterten Fenstern. Zu meiner Überraschung kann ich meine gesamten Zypern-Pfund in türkische Lira umtauschen - und das zu einem gar nicht mal so schlechten Kurs. Immer wieder bekomme ich zu spüren, dass es die Zyperntürken mit dem Konflikt zwischen Nord und Süd weitaus weniger ernst zu nehmen scheinen, als die Zyperngriechen.


Da lobt man sich die türkische Mentalität: Handy-Netzabdeckung zu 100%! Bis zum letzten Esel...

Hinter Yenierenköy geht die Straße vom Hochland abwärts zur Nordküste. Unvermittelt tauchen wieder Reklameschilder für "Unique Villas" auf. Dazwischen geht es nur geradeaus und es gibt außer einigen leichten Steigungen keinerlei Abwechslung. Auf dieser Straße kommt mir auch der einzige Reisebus in Nordzypern entgegen. Ein südzypriotischer Reisebus gefolgt von einem UN-Jeep mit bewaffneten Soldaten. Müssen ja ganz schön gefährlich sein, diese Türken...
In meinen Gedanken sehe ich schon zwei ältere Engländerinnen hinter ihrem Fenster auf mich herabstarren. "Oh, my dear! Margret, did you see that cyclist down there? Isn't that dangerous? Cycling alone here, away from civilization, always to be aware of ambushes of canibastistic Turks! Poor guy!"


Dipkarpaz

Dipkarpaz ist das letzte Dorf auf dem Ostzipfel der Karpaz-Halbinsel, welche wegen ihrer Form der "Pancake-Handle" genannt wird. Da Dipkarpaz ebenfalls im Hochland liegt, muss ich erst wieder etwa 150 Höhenmeter extrem steil bergauf fahren. Da erweist sich der funktionierende Trinkwasserbrunnen einen Kilometer vor dem Dorf als wahre Wohltat. Hier oben ist es wieder etwas grüner. Das ganze Dorf wirkt sehr freundlich auf mich und ich habe ein gutes Gefühl bei der Einfahrt. Ein alter Mann mit einem Kind huckepack auf den Schultern kommt mir freundlich lächelnd entgegen. Ein großes Schild heißt mich willkommen in Dipkarpaz. Dipkarpaz ist der einzige Ort auf Zypern, wo eine nennenswerte Anzahl von Türken mit Griechen zusammenwohnt. Zwar auch hier nicht ganz konfliktfrei - aber immerhin.

So gern ich diesen Ort auch auf Anhieb habe - mein Ziel ist ein anderes. Ich möchte es noch bis zum Golden Beach nahe dem Kap schaffen. Die Platten heute haben ziemlich viel Zeit in Anspruch genommen und so ergibt es sich, dass die Sonne bereits bei meiner Ankunft in Dipkarpaz untergeht.
In der Dämmerung rolle ich die Straße zur Südküste herab, wo sie ihren Weg fortsetzt. Die Straße ist wieder ein Relikt aus Kolonialzeiten. Bis zum Golden Beach sind es noch knapp 20km, die mangels Tachometer an meinem Fahrrad kein Ende nehmen wollen. In einigen Büchern habe ich schon gelesen, dass man auf Zypern keinesfalls nachts fahren soll. Tatsächlich. Ich muss mich in dem schwachen Licht meines Scheinwerfers immer vor Schlaglöchern in Acht nehmen. Vor Autos brauche ich mich nicht zu fürchten. Sie tauchen extrem selten auf und sind in der absoluten Dunkelheit und Stille schon Kilometer im Voraus wahrnehmbar. Einzig die zahlreichen verwilderten Esel auf der Karpaz-Halbinsel stellen eine ernst zu nehmende Gefahr dar. Andauernd stehen sie auf der Straße und sind erst im letzten Moment zu erkennen. Dabei bequemen sich diese störrischen Viecher noch nicht einmal, von der Straße zu gehen, sondern begutachten neugierig mein komisches Gefährt.
Es wird kälter und kälter. Der Körper schmerzt vom schlechten Zustand der Straße. Doch der grandiose Anblick der sich klar am schwarzen Himmel abzeichnenden Milchstraße entschädigt für einiges.
Unwillkürlich muss ich an Horrorfilme denken, in denen Menschen auf einsamen, dunklen, verlassenen Landstraßen von komischen Wesen überfallen werden. Toll Sascha! Das ist ja genau der richtige Moment, an so etwas zu denken!

Irgendwann - ich habe das Gefühl für Zeit längst verloren - kommt im Licht meiner Stirnlampe endlich mein Ziel in Sicht. Auf einem unscheinbaren Schild ist "Hassan's and Turtles Beach" ausgeschildert. Eine gut planierte Sandpiste führt von der Straße ab. Quer durch die Dünen rolle ich abwärts, bis zwischen den Büschen schließlich Licht und die Geräusche eines Generators auszumachen sind. Ein Schäferhund beginnt eifrig zu bellen und kommt auf mich zu gerannt, während ich mich der Hütte nähere. Hassan und eine Engländerin, die offensichtlich auch zu Besuch ist, kommen mir entgegen. Besonders oft scheint man in dieser "Bungalow-Siedlung" (vier kleine Holzhütten) keine Gäste zu sehen.

Ich bekomme eine urige, kleine Holzhütte für 13.000.000 Lira von Hassan und nehme das Gepäck vom Fahrrad. Hassan hat noch ein wenig leckeres Essen über und ich werde kaum satt nach dieser anstrengenden Etappe. Nachdem die Engländerin uns mit dem Auto verlassen hat, schaltet Hassen den Generator ab. Ich frage ihn, wofür denn die Stromleitung im Inland gut ist.
"Ach, die? Das ist die Telefonleitung zur Polizeistation am Kap. Strom gibt es in Dipkarpaz erst seit ein paar Jahren und bis wir hier Strom haben, wird es sicherlich noch lange dauern."
Ich sitze noch eine Weile bei Kerzenlicht in der Hütte und lese im Reiseführer. Dabei fällt mir ein, dass mal wieder meine Meldung bei meinen Eltern zu Hause fällig ist. Erstaunt stelle ich fest, dass ich mit dem Handy 100% Empfang habe. Im schwachen Kerzenlicht tippe ich die Ziffern ein und rufe zu Hause in Deutschland an, als wenn es das Natürlichste auf der Welt wäre. Schade, dass ich mich nicht mal eben bei Nina in Lefkosia melden kann - dorthin gibt es vom Norden keine Telefonleitung...

Tag 5:
Kaplıca - Golden Beach


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