So schnell wie der Wind!

Wieder stehe ich noch vor 7 Uhr morgens auf. Die beiden beginnen mir langsam wirklich leid zu tun. Das sind doch keine humanen Arbeitszeiten...
Doch das Ganze hat einen großen Vorteil: Nachdem ich mich vorerst von Nina und Kristina verabschiedet habe, mache ich mich durch den morgendlichen Berufsverkehr mit dem vollbepackten Rad auf den Weg zum Checkpoint Ledra Palas. Wie zu erwarten, werde ich von den giechischen (etwas erstaunten) Zöllnern durchgewunken. Langsam radele ich durch die UN-Buffer Zone. Wenn selbst die UN-Fahrzeuge sich an die Höchstgeschwindigkeit von 5km/h halten, wird das wohl seine Gründe haben. Die türkischen Zöllner nehmen alles nicht so ernst. Sie wirken müde und verschlafen. Kein Wunder; haben sie doch 24 Stunden-Schichten von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr morgens. Und "zufälligerweise" passiere ich die Grenzkontrolle um viertel vor acht...
Ich lasse Lefkoşa auf einer der großen Ausfallstraßen schnell hinter mir. Am Stadtrand wird es noch einmal kurz kritisch, den richtigen Weg zu finden, doch ein freundlicher Verkehrspolizist erklärt mir den weiteren Weg.


Müllverbrennung - Ne Multlu Türküm Diyene?

Die ersten Anstiege beginnen und ich begebe mich in eine trostlose Gegend. Überall um mich herum ist die Landschaft von Truppenübungsplätzen zerfurcht und inmitten der Kasernen befindet sich die "Near East University", wie sich das fast verlassene Universitätsgelände hier stolz nennt. Immer wieder beäugen mich türkische Wachsoldaten mit misstrauischen Blicken.


Ups! Verfahren?

Welcher Reiseradler verirrt sich auch schon in diese komische Gegend?
Über das Dorf Yukarıdikmen versuche ich den Pass über das Gebirge nach Bellapais zu finden. Das stellt sich als gar nicht so einfach heraus. Als eine türkische Frau mit ihrer (nicht einmal so schlecht aussehenden) Tochter aus dem Haus kommt, frage ich sie nach dem Weg. Dumm nur: Keine von den beiden spricht Englisch.
Eine können sie mir aber klar machen: Da oben gibt es keinen Weg über die Berge! Ob es nun an einer militärischen Sperrzone liegt, oder ob meine Karte lügt...?
Die Karte macht mir die Verständigung kaum leichter. Auf meinen beiden guten Karten sind sämtliche Ortschaften im Norden nur mit griechischen Namen versehen. In der Realität ist im Norden allerdings jeder Ort nur mit seinem türkischen Namen ausgeschildert; und der ähnelt nur in den seltensten Fällen dem griechischen Pendant. Dadurch muss ich immer nach der griechischen Karte fahren, beginne aber nach und nach die auf der Route liegenden Orte mit der türkischen Tourismuskarte abzugleichen und sie per Kugelschreiber in die griechische einzutragen.

Immer wieder ziehen sintflutartige Regenschauer über das Land. Nach einer Viertelstunde prasselnden Regens bin ich klatschnass bis auf die Socken. Danach kommt die Sonne wieder zum Vorschein und sobald ich wieder einigermaßen trocken bin, kommt der nächste kalte Regenschauer über mich gezogen. Das habe ich nun davon, dass ich im November nach Zypern geflogen bin!

Über die stark befahrene Autobahn überquere ich letztendlich doch noch das Gebirge und werde mit einer herrlichen Abfahrt in das sonnige Girne (griechisch: Keryneia) entlohnt. In der Ferne ist schon die anatolische Küste zu erkennen und am Fährhafen legen die vom türkischen Festland kommenden Fähren an.
Hier hat 1974 die Invasion der türkischen Truppen stattgefunden. Momentan müsste allerdings eher von der Invasion britischer Touristen die Rede sein. In der Altstadt ist doch eine erstaunliche Menge von ihnen im Rentenalter anzutreffen. Für zyperntürkische Verhältnisse zumindest...

In der kleinen Touristeninformation informiere ich mich nach Tauchmöglichkeiten an der Nordküste. Zu meinem Bedauern muss ich feststellen, dass sich sämtliche Tauchbasen westlich von Girne befinden. Mein Ziel ist allerdings der Osten der Insel. Schlecht ist allerdings, dass es dort laut Aussage des netten Herren in der Touristeninformation "nothing" gibt. Ich weiß nicht so recht, was ich damit anfangen soll. An der ganzen Küste bis zur Karpaz-Halbinsel hoch soll es praktisch keine Hotels geben? Das muss ich mit eigenen Augen sehen... mit einem mulmigen Gefühl im Magen mache ich mich auf den Weg gen Osten.


Ach? Gut zu wissen!

Ich kann aus dem Vollen schöpfen: Auf einer herrlich gut ausgebauten Straße komme ich mit kräftigem Rückenwind schnell vorwärts. Der Verkehr wird immer weniger, je weiter ich mich von Girne entferne. Immer wieder kommen Regenstürme von hinten angerauscht. Sie "schieben" mich regelrecht vorwärts, im Gegenzug werde ich allerdings ordentlich nass. Nicht auszudenken, wie grauenvoll es heute in der anderen Richtung zu fahren wäre... so wenig Glück hat man selten!
Neben der Straße sind immer wieder Überreste der alten englischen Kolonialstraße zu sehen. Während sie sich durch jede kleine Bucht auf und ab geschlängelt hat, fallen die Steigungen bei der neu gebauten Straße weniger ins Gewicht.




Unique Villas - Buy! Buy! Buy!

Doch der Ausbau der Straße war scheinbar nicht ganz ohne Eigennutz: Während ich nur selten kleine, urige Bauerndörfer durchquere, stehen zu meiner Linken am Küstenstreifen immer mehr Schilder und Plakate mit Aufschriften wie: "Esentepe Seaside Homes", "The Unique Homes of Paradise", "Only GBP 80.000!", "Estate Agents", "Australian and British style villas".
Kaum ist der Süden der EU beigetreten, beginnt im Norden schon der Ausverkauf dieser naturbelassenen Küste. Überall markieren kleine in den Boden gesteckte Schilder mit der Aufschrift "Sold!" verkaufte Parzellen. Schenkt man den Plakaten Glauben, so wird hier in wenigen Jahren alles mit Golfplätzen, Villen und Hotels zubetoniert sein.

So schmerzlich das auch ist: Wenn man es realistisch betrachtet, wurde der Nordküste durch die türkische Invasion unbewusst eine "Gnadenfrist" in Sachen Tourismus gegönnt. Während in Südzypern, der Türkei, Griechenland und besonders Spanien ganze Küstenstreifen des Mittelmeers zubetoniert wurden, zerfielen die wenigen, halbfertigen Bausünden an der nordzypriotischen Küste im Laufe der Jahre. Immer wieder passiere ich alte, vermoderte Betonkonstruktionen, die wohl einmal Hotels werden sollten. Dazwischen stehen des Öfteren kleine orthodoxe Kapellen in der kargen Landschaft und zerfallen, oder werden als Viehställe benutzt. Ohne die türkische Invasion würde es heute sicher ganz anders aussehen...

An der zerfallenen Kapelle Agios Nikolaos ist mein Traum zu ende. Die Ausbaustraße mündet in eine schmale Schlaglochpiste aus britischer Kolonialzeit. Ab jetzt werde ich die folgenden Kilometer damit verbringen, den unzähligen Schlaglöchern auszuweichen und ständig in Serpentinen durch kleine Buchten auf und ab zu fahren. Das zehrt ganz schön an den Kräften und ich kann die Kraft des Rückenwinds nun nicht mehr voll ausschöpfen. Straße rauf, Straße runter, Straße rauf, Straße runter... Wenigstens habe ich die Straße praktisch für mich allein. Mehr als ein Auto in 30 Minuten ist nicht zu erwarten.


Hassan Nr. 32

An einer weiteren Kapellen-Ruine lege ich eine kleine Pause ein. Meine Vorräte gehen langsam zur Neige und außer vereinzelten Bauernhäusern zwischen Olivenbäumen habe ich schon seit vielen Kilometern nichts mehr gesehen. Ein seltsames Geräusch von der Seite lässt mich plötzlich so sehr aufschrecken, dass ich meine Trinkflasche fallen lasse und der letzte Rest Eistee im Boden versickert...
Neben mir steht ein stämmiger Mann mit Funkgerät in der Hand und abgewetzter Militärkleidung. Er redet fleißig auf mich, dann wieder ins Funkgerät, dann wieder auf mich. Auf türkisch.
Ich begreife relativ schnell, dass er trotz seines Aussehens kaum als Bedrohung anzusehen ist. Er ist nett und plappert immer weiter auf mich ein. Allerdings versteht er keine meiner Sprachen und ich verstehe keine seiner türkischen Plappereien. Alles was ich verstehe: Er hat oben auf dem Felsen ein "Haus" und möchte mich unbedingt zum Çay einladen. Eine Widerrede meinerseits wird nicht akzeptiert - die türkische Gastfreundschaft steht über allem. Mit Blick auf die Sonne und meine Uhr versuche ich ihm verständlich zu machen, dass ich noch vor der Dunkelheit in Kaplıca ankommen möchte.
"Kein Problem!" gibt er mir zu verstehen und fügt lachend hinzu: "Trink einfach einen Çay und du bist schnell wie der Wind!"

Sein "Haus" ist eine im Sturm klappernde Holzhütte. Während er auf einem alten Gaskocher den Çay zubereitet, plappert er immer weiter fröhlich auf mich ein. Der Wind zerrt an den Wänden und die ganze Hütte wackelt bedrohlich. Ich verstehe in dem Lärm kaum ein Wort und kann auch nicht so recht herausfinden, was er hier oben auf diesem kahlen Felsen überhaupt macht. Etwa Wildbeobachtung? (gibt's hier überhaupt noch Wild?). Verkehrsbeobachtung? (bei einem Auto in 30 Minuten?). Ich bin ratlos.
Nach zwei Çay beginnt die Dämmerung langsam und ich muss weiter. Ungern lässt mich Hassan - so heißt er - gehen und noch widerwilliger nimmt er einen meiner Proviant-Äpfel als Dankeschön für seine Gastfreundschaft entgegen.

Über den felsigen Untergrund holpere ich zurück auf die Straße und verabschiede mich winkend von Hassan. Sie wird langsam flacher und trotz der Schlaglöcher komme ich langsam wieder gut voran. Liegt es vielleicht wirklich am türkischen Tee?
Nach ein paar Kilometern kann ich Hassan immer noch weit hinter mir auf seinem Felsen stehend erkennen. Entlang an beeindruckenden Stränden nähere ich mich Kaplıca. Unterhalb des Ortes müsste es laut Tourismuskarte einen Badestrand geben und ich erhoffe mir dort ein kleines Hotel.
Ich werde nicht enttäuscht: Entgegen den Aussagen der Touristeninformation liegt in einer windgepeitschten Bucht direkt am Strand ein kleines Hotel. Ich trete in das riesige Restaurant und muss erst einmal versuchen, jemanden ausfindig zu machen. Hier können sicher ganze Busladungen bewirtet werden. Doch wie oft hier wohl ein Bus vorbeikommt? Neben dem Hotel befindet sich sogar ein kleiner Campingplatz, auf dem zu meiner Überraschung englische Wohnwagen stehen, die von momentan nicht anwesenden Dauercampern stammen.
Ich bekomme ein kleines Zimmer mit Bad und direktem Ausgang zum herrlichen Strand für umgerechnet etwa 20 Euro. Dabei bin ich der einzige Gast in diesem einzigen Hotel auf rund 100km Küstenstreifen. Beeindruckend...

Bevor es endgültig dunkel wird, fahre ich hoch in das verschlafene Dorf. Ich kann noch einen kleinen Laden ausfindig machen, in dem ich mich mit pappigem Brot, Marmelade und weiterem Proviant versorge. Bei der Gelegenheit lasse ich mir von dem Ladenbesitzer und seinem Sohn noch ein wenig türkisch beibringen...
Meine Geldvorräte gehen langsam zur Neige und mit einem üblen Gefühl realisiere ich, dass ich in den nächsten Tagen kaum auf eine Bank treffen werde. Irgendwie wird sich schon ein Weg finden...

Als ich den Laden verlasse, beginnt es wieder zu stürmen. In der Ferne zucken bereits die Blitze über dem anatolischen Hochland. Ich muss mich beeilen...

Tag 4:
Lefkosia (Süd) - Kaplıca


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