Lefkoşa und Lefkosia

Schon um 7 Uhr morgens befinde ich mich wieder auf der Straße. Widerwillig bin ich zeitgleich mit Nina und Kristina aufgestanden, da die ärmsten einen täglichen Arbeitsbeginn um 7 Uhr haben. Kein Wunder, dass Deutsche Botschaften immer so komische Öffnungszeiten haben... irgendwann müssen sich die Beamten ja auch mal ausruhen...

Zu Fuß gehe ich zum Checkpoint "Ledra Palas". Dies ist an dieser Stelle der einzige Übergang vom griechischen Teil - Lefkosia - in den türkischen Teil - Lefkoşa.
Der Checkpoint wirkt eher wie eine Demarkationslinie einer sich immer noch im Bürgerkrieg befindlichen Stadt, als einem Grenzübergang. Nirgends ist er ausgeschildert, was mir schon Mühe macht, ihn nur zu finden. Überall stehen Panzersperren mit weiß-rotem Absperrband und mit Zement gefüllte Tonnen mit den großen Lettern der "UN" darauf. Warnschilder verbieten das Betreten der "UN Buffer Zone" und Fotografierverbot scheint es sowieso überall zu geben.
Zur Linken bewachen britische UN-Soldaten die Kaserne, während rechts eine kleine, unscheinbare Straße in den Norden führt. Ein groteskes Bild: Auf der einen Seite sitzen die griechischen Zöllner vor ihrem provisorischen Wohnwagen. Neben ihnen brennt in einer Tonne ein kleines wärmendes Feuerchen. Direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite befinden sich kleine Cafés, in denen sich schon am frühen Morgen die ersten Gäste eingefunden haben.


Türkisch Recht und Ordnung?

Schüchtern winke ich der Zöllnerin mit meinem Pass zu und ernte einen verachtenden Blick. "Türkye?!" fragt sie kurz und zeigt starr nach Norden. Vorbei an der Mauer mit griechischer Propaganda gelange ich in die neutrale Zone. Der Wegesrand ist von verfallene Häusern, Stacheldraht und den überall herumstehenden "UN-Tonnen" gesäumt. Direkt zwischen den Ruinen gibt es Dinge, die man dort erwartet hätte: So zum Beispiel das deutsche Goethe-Institut und das ehemals nobelste Hotel Nikosias: Der Ledra Palas. Nun, mit dem Luxus ist es heute nicht mehr soweit her. Seit Jahren hausen hier die britischen UN-Soldaten. Über den Balkongeländern hängt Wäsche. Dahinter sitzen Soldaten in verschwitzten Klamotten auf dem noblen Mobiliar, welches kurzerhand auf den Balkon verfrachtet wurde, und rauchen ein paar Kippen. Vom Luxus von Einst ist hier nicht mehr viel zu sehen.
Nina sagte mir, dass die Jungs hier abends gerne Saufgelage organisieren und dann quietschvergnügt nackt über das Gelände hüpfen. Wem's Spaß macht...
So wird den armen Jungs in den Monaten als UN-Soldat wenigstens nicht langweilig...


Der Ledra Palas

Selbst ein Blinder würde den Grenzübergang zur "Türkischen Republik Nordzypern" nicht übersehen können. Wäre ihm nicht schon längst der starke Geruch von Çay-Tee und türkischem Essen in die Nase gedrungen, so würde er doch zumindest über den wuchtigen Schlagbaum stolpern. Während auf der griechischen Seite nur ein verschämt-provisorischer Grenzübergang zu finden ist, protzen die Türken mit einer "richtigen" Grenzstation, wie sie auch an einer Bundesstraße zwischen Deutschland und Tschechien stehen könnte. Mit einem etwas mulmigen Gefühl überlasse ich dem türkischen Grenzpolizisten meinen Pass. Ich werde kurz gebeten ein weißes Papier mit den Angaben "Name", "Geburtsdatum", "Passnummer" auszufüllen und bekomme es danach mit dem Einreisestempel in den Pass gelegt. Der Pass selbst wird nicht gestempelt!
Eigentlich eine ganz gute Entscheidung. Sobald der Pass mit einem Stempel der "Turkish Republic of Northern Cyprus" versehen sein sollte, können einem andere Staaten die Einreise verweigern. Allein schon aus dem Grund, dass dieser Staat nicht von ihnen (also der UN) anerkannt worden ist und ich mit dem Pass in einem mehr oder weniger nicht existierenden Land war.


Türkischer Grenzübergang

Nicht existent? Die Türken sind da offensichtlich ganz anderer Meinung! Überall wehen große türkische und zyperntürkische Flaggen über den Straßen und andauernd trifft man auf Atatürk-Büsten- und Statuen. Auf dem Gebirge nördlich der Stadt prangen gigantische türkische Flaggen, welche bis weit nach Griechisch-Zypern hinein sichtbar sind. Darunter steht in großen Lettern:
"NE MUTLU TÜRKÜM DIYENE". Zu Deutsch: "Ich bin stolz, sagen zu können: Ich bin Türke!" - Atatürk.

Der Unterschied zwischen Nord und Süd beträgt Welten
Schon beim ersten Eindruck.
Während im Süden die Menschen auf dem Weg zur Arbeit die Straßen mit den neuen Karossen verstopft haben, herrscht hier im Norden Stille. Nur gelegentlich klappert ein altersschwacher Renault über die Straßen, während man von hier noch den Straßenverkehr im Süden hören kann.
Es ist gerade Bairahm. Der Ramadan ist gerade zu Ende gegangen und die meisten Menschen schlafen noch. Zur Feier dessen sind eben überall die türkischen Flaggen zu sehen.

Während die Nordstadt langsam erwacht, schlendere ich durch die Straßen und versuche einen Weg entlang der UN-Buffer Zone vom Westen nach Osten zu finden. Immer wieder enden kleine Gassen oder gar große Straßen vor Mauern, fest verschlossenen Toren, oder einfach nur Stacheldraht. Immer wieder treffe ich auf Schilder mit Warnungen wie "Yasak Bölge Girilmez - Verbotene Zone!" oder "No Photo!".

Immer wieder treffe ich auf spielende Kinder. Man könnte denken, dass man sich in einem kleinen türkischen Dorf befindet, doch nur ein paar Meter weiter herrscht das überaus "westliche" Geschäftsleben im Süden. Irgendwie hat die Atmosphäre dadurch etwas Bedrückendes an sich.
Neben einem verfallenen griechischen Kloster kommt mir ein kleiner Junge mit apathischen vorgequollenen Augen entgegengelaufen und würdigt mich keines Blickes. Für einen Moment habe ich Angst, dass er gegen mich prallt und mich mit irgendwas ansteckt. Ist es hier denn wirklich so schlimm mit der herrschenden Armut? Oder was das nur eine Ausnahme?
Kaum zweihundert Meter weiter treffe ich wieder auf spielende Kinder. Eines von Ihnen - der Knirps mag gerade 1,20m groß sein, trägt eine perfekt passende türkische Soldatenuniform und zielt fröhlich mit seiner Spielzeug-Kalaschnikow auf alle möglichen Passanten. Die Symbolfigur des türkischen Mehmetçik en Miniature?
(Was dem Engländer sein Tommy, das ist dem Türken sein Mehmetçik)



Immer wieder treffe ich auch auf "große" Mehmetçiks, welche unscheinbare Mauern gen Süden bewachen. Über ihren Köpfen weht die türkische Flagge, hinter ihrem Rücken die Griechische...

Vorbei an der ehemaligen, von den Franken erbauten Kathedrale gehe ich in das Zentrum. Die Kathedrale ist inzwischen eine Moschee, welche Innen mit hellen Farben und außen mit zwei riesigen Minaretten ausgestattet ist. Das Zentrum befindet sich nicht im Zentrum der Altstadt, denn diese wurde schließlich vor 30 Jahren getrennt, sondern weiter Norden. Wie auch im Süden hat sich das Stadtzentrum in Laufe der Jahre immer weiter vom geografischen Zentrum entfernt.





Die Straßen füllen sich nach und nach. Nach einer Weile fällt mir auf, dass nur extrem selten eine Frau unter den Passanten auszumachen ist. Die meisten Frauen befinden sich offenbar nur in den vereinzelt anzutreffenden, englischen Touristengruppen. Tourismus?
Nicht, dass man wirklich davon sprechen könnte. Die wenigen von Ihnen haben einen gespannten Blick in ihren Augen, als wenn sie etwas richtig abenteuerliches unternehmen würden. Schließlich sind sie in einer "verbotenen" Stadt. Äh, ja...
Fast alle kommen auf kurzen Tagesausflügen von der Südküste hierher. In Nikosia selbst übernachten praktisch keine Touristen - sowohl im Süden als auch im Norden der Stadt.


Ein ECHTER Döner!

Das einzige Hotel in der Altstadt Lefkoşas ist auch die größte Bausünde der Altstadt. Dieser Bau im Stil der 70er ragt hoch aus den alten Häusern hervor. Allerdings mit einem nicht zu verachtenden Nachteil: Man hat von dort oben einen tollen Ausblick. Für gerade einmal 3.000.000 Türkische Lira (1 Euro und ein paar Zerquetschte) bringt mich der Aufzug nach oben.
Dort oben treffe ich auf eine Gruppe englischsprachiger Geschäftsleute und lasse mit ihnen den Blick über die Stadt schweifen. Auf dem Weg zurück nach unten macht der kleine Fahrstuhl seltsame Geräusche und wir versuchen die Spannung mit trockenem Humor ein wenig zu lockern...
Unten angekommen stehen plötzlich drei schwarze Limousinen vor dem Hotel. "Super!" danke ich mir. "vielleicht kann ich ja mal ein Foto von Denktas machen!"
Pustekuchen!
Die stämmigen schwarz gekleideten Chauffeure nehmen die Gruppe in Empfang, mit denen ich dort oben gewesen bin... Hä?! Und was sollen das für wichtige Leute gewesen sein?



Durch Zufall entdecke ich in einer alten Tiefgarage einen sehr interessanten Markt, über welchen ich in keinem Reiseführer etwas finden konnte.
Hier sind - wen wundert's - nur Männer anzutreffen; Es handelt sich scheinbar um einen Markt à la "Alles für den guten türkischen Soldaten". Und es gibt hier dermaßen "interessante Souvenirs", wie ich sie noch in keinem anderen Land gesehen habe. Da liegt die neueste militärische Zusatzausrüstung neben dem Poesiealbum mit Herz, türkischer Flagge und einem stolzen Soldaten auf dem Cover. Der gute Soldat kann sich seine ID-Karte in Plastik einschweißen lassen oder sich neue Namensschildchen für seine Uniform besorgen. Da fragt man sich doch fast ob den armen Jungs in den Kasernen nichts zur Verfügung gestellt wird, oder ob sie sich aus Eitelkeit gern selbst noch ein wenig aufrüsten. Wohl eher letzteres.
Nina hat mir gestern eine sehr interessante Sammlung türkischer Fotos gezeigt. An einem Geldautomaten hat sie einen Film gefunden und ihn mal zum Spaß entwickeln lassen. Sie zeigen durchweg türkische Soldaten - egal ob in Zivil oder Uniform - in lustigen Heldenposen vor der Kaserne oder neben (mehr oder weniger) teuren Autos...

Dem Drang nach militärischen Zubehör unterliege selbst ich; wenn auch wohl weniger aus Eitelkeit, als aus banaler Souvenirjagd. Nachdem ich mir ein paar Postkarten gekauft habe, möchte ich mir meinen Namen auf ein Uniformschild drucken lassen.
Schon nach kurzer Zeit stehen mehrere Männer um mich herum, fragen sich, was der komische "Engländer" da macht, und plappern mit ihrem dürftigen englischen Wortschatz auf mich ein:
Ich: "How much is it for one?"
"Ehm... Onemillion Türkish Lira." (ca. 40ct). Do you have X or W (böööse griechische Buchstaben?) in your Name?"
Der nächste: "Hey, boy! Where are you from?"
"Germany, Alemania, Alemanie... eh..."
"AAHH!! Alemanya! Beckenbauer! Borussia Dortmund! Heil Hitler!"
[Nun, ja......]
"Are you Soldier?" ist, was sie alle besonders interessiert. Ich winde mich irgendwie heraus (und hoffe, dass sie die meisten meiner Antworten sowieso nicht verstehen)...
"Eh... Not at the moment." (wo kämen wir dahin, wenn die Jungs erfahren, dass ich meinen "Militärdienst" in weißen Klamotten und Schlappen in einem Krankenhaus gemacht habe? Wie uneitel...

Und kaum zücke ich meine Kamera, kommen sofort Fragen wie "How much? How much?". "Ah, eh... not to sell. Souvenir from Dubai..."
Da leuchten die Augen: "Ahhhh... Dubaii!" und man versteht sofort, dass ich eine so tolle Kamera nicht weggeben möchte (nebenbei gesagt handelt es sich im eine schäbige kleine Canon-Knipse, aber sie ist ja schließlich aus Dubai).
Nachdem ich den Markt verlassen habe, möchte ich mir gerne passenderweise das "Museum des Nationalen Kampfes" ansehen. Das befindet sich mitten auf dem Gelände einer Kaserne und sofort fängt mich ein Junger Soldat im Kampfmontur und Maschinengewehr ab. Sekunden später steht ein freundlicher Offizier mit Perlweiß-Grinsen vor mir, welches wie geschaffen für einen Vorzeigeoffizier der PR-Abteilung sein könnte... "I'm sorry mister, but the museum is closed today. Come again tomorrow." (wie komme ich nur darauf, dass da wieder Erinnerungen an Südamerika wach werden?)



Bei einem Blick auf die Uhr merke ich erst wie sehr mich der Norden in seinen Bann gezogen hat. Es ist bereits Mittag.
Auf meinem Weg zurück zum Checkpoint nähere ich mich unweigerlich wieder dem Niemandsland. Zur Information: Die Mauern der Altstadt sind ähnlich wie ein Stern aufgebaut. So ergibt es sich dass zum Beispiel ein "Zacken" türkischer Stadt in griechische Stadt hineinragt. Auf einem dieser "Zacken" befindet sich ein schöner Stadtpark. Kinder spielen auf dem Rasen und die Erwachsenen haben sich zum Brettspiel an kleinen Tischen zusammengefunden. Mit Mühe schaffe ich es im kleinen Teehaus bei einen netten alten Dame einen Çay zu bestellen und lasse die Atmosphäre auf mich wirken.
Denn etwas ist anders, als in normalen Stadtparks. Dieser hier befindet sich über einer hohen Mauer, auf deren Kante ein Maschendrahtzaun mit Stacheldraht darauf verläuft. An diesem Zaun entlang stehen junge türkische Männer und werfen sehnsüchtige Blicke nach unten auf die andere - für sie unerreichbare - Seite des Zauns. Dort befindet sich das geschäftige Lefkosia mit all seinem Wohlstand, den vielen Diskos und den "aufreizend" leicht bekleideten jungen Frauen.
Festlandtürken und deren Nachkommen ist es bis heute verboten, in den Süden einzureisen. Und sie machen inzwischen durch mehr oder minder gerechtfertigte Besiedelungsmaßnahmen die größte Bevölkerungsgruppe im Norden aus.






Die Diplomatenroute vorbei am griechischen Checkpoint

Im Gegensatz zu ihnen werde ich mich in einer halben Stunde dort unten befinden, als wenn nichts gewesen wäre. So gerecht ist die Welt... da wird einem schon ein wenig flau im Magen. Besonders beim Durchschreiten des unangenehmen griechischen Checkpoints.


Die Fußgängerzone in Lefkosia

Plötzlich muss ich mir wieder den Weg durch dichten Autoverkehr bahnen. Es gibt Kaufhäuser à la Karstadt und überall ist etwas los. Oben auf der Mauer stehen immer noch die jungen Männer...
Im Süden versuche ich dieselbe Route wie heute Morgen auf der anderen Seite der Buffer Zone zurückzulegen. Doch fällt das hier deutlich schwerer, als auf der türkischen Seite. Immer wieder treffe ich auf UN Police oder junge, mit Maschinengewehren bewaffnete, Soldaten. Als ich einen dabei ertappe, als er mit dem Besitzer der Werkstatt nebenan plaudert, glaube ich einen nicht ganz so verbissenen Soldaten gefunden zu haben und frage, ob ich ein Foto machen darf.
"Nun, eigentlich ist das ja kein Problem... aber wenn mein Vorgesetzter das sieht... Versuch es doch bitte an der nächsten Ecke. Da ist ein offizieller Foto Point..."
Und was für einer!

Es handelt sich dabei um den so genannten "Touristenbunker" Lefkosias. Auf einer kleinen Bühne stehend kann man durch einen Spalt einen Blick auf extrem verwahrlostes Stück Ödland werfen. Zwei griechische Soldaten passen genau auf, dass niemand der zahlreichen Touristen auch nur ein Foto macht.

Auch ich habe nicht viel Glück. Immer wieder werde ich von jungen Soldaten an irgendwelchen Ecken ermahnt meine Kamera wegzunehmen, sofern ich sie nicht vorher erkenne. Die "Sicherheitsvorkehrungen" gegen fotografierende Touristen sind hier um einiges schärfer als im Norden.

Um 15:30 haben Nina und Kristina Feierabend und ich mache mich wieder auf den Weg zurück zur Botschaft. Während ich auf dem Balkon warte und in meinem Reiseführer blättere, kommt Savako wieder angemaunzt und will gestreichelt werden.
Erst jetzt merke ich wie viel ich heute gelaufen bin. Meine Füße schmerzen, als wäre ich durch Brennnesseln gelaufen.

Am Abend gehen Nina und ich in den Norden zum Essen (besser und billiger, das "Besser" ist natürlich Ansichtssache). Die meisten der netten türkischen Zöllner kennen sie schon. Na, mein Ausschnitt bewirkt halt nicht so viel wie ihrer... Aber vielleicht liegt es ja doch eher am Diplomatenpass, mit dem sie sich keinerlei Kontrolle unterziehen muss. Verdammt! Ich bräuchte auch so ein Teil!

Tag 3:
Lefkosia (Süd) / Lefkoşa (Nord)


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