Demarkation

Der Zypern-Konflikt
Den ganzen Zypern-Konflikt an dieser Stelle in seiner ganzen epischen Breite zu darzustellen, hätte sicherlich wenig Sinn. Das Thema wäre zu komplex; zu unterschiedlich sind die Meinungen und Versionen dieses Konfliktes. Selbst die banale Aufzählung der letzten geschichtlichen Ereignisse sieht in griechischen Lehrbüchern schon ganz anders aus, als im Türkischen. Doch was treibt beide Volksgruppen dazu, seit nun nahezu 40 Jahren einen solchen Hass gegeneinander zu hegen?
Für die meisten Außenstehenden hat sich die Frage der "Guten" und der "Bösen" sicherlich mit dem Beitritt Süd-Zyperns zu europäischen Union erledigt. "Klar! Die Griechen sind die 'Guten'! Warum sollte man sie sonst in die EU aufnehmen?" mag man nun glauben...
Wenn es doch nur so einfach wäre...

Hier ein kurzer Ablauf der jüngeren Geschichte Zyperns. Da sowohl die zyperntürkischen, als auch die zyperngriechischen Geschichtsbücher sehr unterschiedlich sind, könnte auch diese Version nicht absolut korrekt sein...

1955: Die EOKA, die Geheimarmee für den Anschluss an Griechenland, beginnt den bewaffneten Kampf gegen die britische Kolonialmacht. Nach Ermordungen durch die EOKA von zyperntürkischen Polizisten, welche unter britischen Diensten standen, gründeten die Zyperntürken ihre eigene Geheimarmee: die TMT.

1960: Mit einer von den Briten aufgezwungenen Verfassung wird die neue Republik Zypern in die Unabhängigkeit entlassen. Bedingungen dieses Vertrages sind z.B. die Trennung der Zyprer in Zyperntürken und Zyperngriechen sowie die Akzeptanz von souveränen Britischen Basen, welche noch heute ungefähr 3% der Inselfläche ausmachen.

1963: Die türkischen Zyprer verweigern die Zustimmung zu einer Verfassungsreform, welche die Stellung der Türkischen Volksgruppe nachhaltig geschwächt hätte. Mit militärischen Mitteln (Akritas-Plan) versucht man die Zyperntürken zur Zustimmung zu bewegen, was allerdings nicht gelingt.

1964: Der Bürgerkrieg bricht aus. Nach Übergriffen der EOKA auf demonstrierende türkische Schüler und der Verschleppung sämtlicher türkischer Patienten aus einem Krankenhaus, beginnen sich die Zyperntürken in Enklaven zurückzuziehen. Die türkische Geheimarmee TMT wird wieder ins Leben gerufen. Das Eingreifen der Nordamerikaner und die darauf folgende Stationierung von UN-Truppen sichern einen labilen Waffenstillstand.

1964-1968: Ein Wirtschaftsboykott treibt die in Enklaven und Flüchtlingslagern lebenden Zyperntürken in einen elenden Lebenszustand. (immerhin 4 Jahre!)

1967: Der Militärputsch in Griechenland verschärft die Spannungen zwischen der Türkei und Griechenland. In Befürchtung eines Annschlusses Zyperns an Griechenland zieht man hinter vorgehaltener Hand in der Türkei militärische Mittel zur Lösung des Konfliktes in Erwägung.

1968-1974: Durch die Aufhebung der Blockade gegenüber den Zyperntürken nähern sich die Volksgruppen wieder einander an...

...bis 1974 die Nationalgarde putscht, da sie Zypern von den "Feinden des Griechentums" befreien will. In Befürchtung eines Anschlusses Zyperns an Griechenland startet die Türkei Ihre "Friedensmission": Die militärische Invasion Nordzyperns. Laut einem genau ausgearbeiteten Plan rückt die türkische Armee kurz nach Ihrer Landung bis nach Nikosia und Farmagusta vor. Dabei bleiben die Panzer nur wenige Meter vor souveränen britischen Basen stehen. Die Türken setzen alles auf eine Karte, versuchen aber einen Konflikt mit den Briten um jeden Preis zu vermeiden.

Nach 1974: Zypern wird durch eine von der UN geschützte Pufferzone in einen Zyperntürkischen Norden und einen Zyperngriechischen Süden getrennt. Die Türkei beginnt zahlreiche Festlandtürken im Norden anzusiedeln. Während sie durch Ihre Armee einen nach Außen als Militärstaat erscheinenden "Bundesstaat" etabliert, beginnt im weiterhin unabhängigen Süden der wirtschaftliche Boom der Zyperngriechen. Viele Zyprer werden enteignet, sofern Ihr Besitz auf der "falschen Seite" Zyperns liegt. Besonders viele Zyperngriechen sind davon betroffen.

1983: Denktasch (bis heute "Präsident" Nordzyperns) ruft die "Türkische Republik Nordzypern" aus. Die Vereinten Nationen (UN) entscheiden den Staat nicht anzuerkennen, woraufhin im Norden Nikosias die Zyperntürken entrüstet gegen diese Entscheidung demonstrieren. Bis heute wird Nordzypern lediglich von der Türkei anerkannt, und hängt somit auch an deren wirtschaftlichem Tropf.

2004: Kurz vor dem Beitritt Südzyperns zur EU raufen sich die Führer der Volksgruppen - auf Druck der EU - zusammen und führen ein Referendum zum gemeinsamen Beitritt zur EU durch. Das enttäuschende Ergebnis ist bekannt: 75,83% der Zyperngriechen stimmten gegen die Vereinigung, während 64,91% der Zyperntürken dafür stimmten. Ein Stöhnen ging durch die Welt. Während die Südzyprer am 1. Mai den Beitritt zur europäischen Union in Nikosia mit Feuerwerk befeierten, fühlten sich die nur wenige hundert Meter weiter im Norden lebenden Zyprer im letzten Moment vor die Tür gesetzt...

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