Erste Eindrücke

Am Morgen lasse ich mir ein wenig Zeit. Gemütlich gehe ich mit Frank an der Promenade frühstücken. Für die rund 60km nach Nikosia, die ich mir für heute abverlangen möchte, kann ich mir Zeit lassen. Außerdem haben wir es uns verdient. Unter dem nervenzerreißenden Gejaule des kleinen Welpen in der Herberge (und dem seiner Besitzerin) und einem inoffiziellen nächtlichen Motorradrennen an unserem Zimmerfenster haben wir nicht wirklich viel geschlafen. Die meiste Zeit haben uns Gedanken über mögliche Wurfgeschosse und über die Straße gespannte Neylonschnüre wach gehalten.


Morgendlicher Blick aus dem Fenster

Nach dem Frühstück geht es los. Ich packe mein Rad und verabschiede mich von Frank. Der Verkehr staut sich mal wieder ohne Ende, doch irgendwie gelingt es mir, mich durchzuschlängeln - egal ob rechts oder links - das scheint hier niemanden zu interessieren.
Ja, der Linksverkehr ist anfangs tatsächlich etwas gewöhnungsbedürftig. Ich brauche recht lange, um mich daran zu gewöhnen (nach ein paar Tagen kann ich mir kaum etwas Besseres vorstellen). Durch ein hässliches Gewerbegebiet verlasse ich die Stadt. Auf dem Weg noch Nikosia werden mich heute keine besonderen landschaftlichen Highlights erwarten.

Durch karges Hügelland folge ich kleinen Parallelstraßen entlang dem Highway A1. Immer wieder passiere ich vereinzelte griechische Kasernen mit schwerem Kriegsgerät und immer wieder ermahnen mich Warnschilder dazu, meine Kamera in der Tasche zu lassen. In Limpia komme ich der UN-Pufferzone (Demarkationslinie) so nahe wie an keinem anderen Punkt dieser Etappe. Die einsam oben auf einem Berg gelegene Dorfkirche liegt bereits in türkischem Territorium. Hinter der Hügelkuppe befindet sich gleich das nächste - türkische - Dorf. Grenzverkehr gibt es keinen - er ist auf 4 Checkpoints auf der Insel verteilt, 2 davon in Nikosia, alias Lefkosia, alias Lefkoşa. Und auch die gibt es erst seit etwa 2 Jahren.
Das hindert allerdings einige alte Damen in Limpia nicht daran die Kirche in fast regelmäßigen Abständen zu "besetzen". Kleine Sticheleien erhalten die Feindschaft...


Limpia

Ab Dalí und Pera Chorio wird der Verkehr schlagartig wieder dichter. Kleine Schulkinder blicken meinem bepackten Rad mit Erstaunen nach. Und dabei hatte ich immer gedacht, dass Zypern DAS Radreiseparadies schlechthin sein müsste, wo ich haufenweise andere Reiseradler treffen würde. Doch dem ist nicht so - zumindest nicht in diesem November.
In einem Industriegebiet nördlich von Pera Chorio reicht es mir. Ich biege auf eine vermeintlich weniger dicht befahrene Straße aus, welche auf der Karte nur als kleine Piste eingezeichnet ist. Allerdings entpuppt sie sich als Hauptstrecke für die zahlreichen nach Lefkosia ratternden LKWs...
Ab Tseri geht es dann bis Lefkosia nur noch leicht bergab. Der Verkehr wird dichter und dichter.
Nach und nach beginne ich auch das Ampelsystem zu verstehen. Anfangs hat es mich noch gewundert, dass alle Autofahrer an roten Ampeln vorbeifahren und erst ein paar Meter dahinter zum stehen kommen. Dann wird mir erst bewusst, dass auf der anderen Straßenseite parallel eine zweite Ampel steht. Ein komisches System...

Am Horizont hinter Lefkosia erstreckt sich ein hoher Gebirgszug. Darauf befindet sich eine gigantische türkische Flagge und darunter in großen Lettern das Attatürk-Zitat: "Ne Mutlu Türküm Diyene". Frei übersetzt: "Ich bin stolz sagen zu können: Ich bin Türke!". Der Gebirgszug befindet sich bereits in Nordzypern. Jenem Gebiet, welches in meiner griechischen Stadtkarte auf weißer Fläche als "Inaccessible because of the Turkish Occupation" ausgewiesen ist.

Vorbei am Präsidentenpalast, durch das Regierungsviertel und andere von Reichtum zeugende Gebäude fahre ich immer weiter zum Treffpunkt in die Innenstadt. Nina, eine alte Klassenkameradin von mir, möchte mich mit ihrer Mitbewohnerin am Eleftheria-Square abholen. Sie macht momentan eine Ausbildung beim Auswärtigen Amt und wohnt nun schon seit etwa 8 Monaten in einer großen Dienstwohnung über der Deutschen Botschaft.


Savako, der Botschaftskönig

Und wie das so ist, werde ich gleich nach unserem Wiedersehen mitsamt Fahrrad zum "Shopping" mitgeschleppt...
Bei unserer Ankunft an der Botschaft kommt uns ein kleiner Kater entgegen getippelt: Ninas heiß geliebter Savako; König der Straße und inoffizieller "Beschützer" der Botschaft vor anderen Katern.
Mein ebenfalls heiß geliebtes Fahrrad bekommt ein sicheres Plätzchen in der Garage über der Botschaft, und ich bekomme Plätzchen auf dem Boden im Wohnzimmer. Dazu gibt es eine funktionierende Dusche (mit Warmwasser!)! Besser geht's doch nicht! :-)

Tag 2:
Larnaca - Lefkosia (Nikosia)


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