Umdenken

Durch die kleinen Passagierfenster dringt das rote Licht der aufgehenden Sonne. In einem beeindruckenden Schauspiel erhebt sie sich über dem noch teilweise nebelverhangenen Hamburger Hafen und lässt die Elbe, wie ein sich weit am Horizont verlierendes Band, glitzern. Auch die meisten anderen Passagiere im Flugzeug drücken sich ihre Nasen an den Fensterscheiben platt. Ein so beeindruckendes Schauspiel mit einem so extrem klaren Herbsthimmel gibt es nur selten.
Sofort ist der morgendliche Stress vergessen. Mit den letzten Passagieren bin ich in das Flugzeug gestiegen, nachdem meine Mutter mich zum Flughafen gebracht hat. Die frostige Kälte da draußen ist schnell vergessen. Es geht gen Süden...


Die Elbe und der Taunus im Sonnenaufgang

Nach drei Stunden Warten in Frankfurt geht es weiter nach Larnaca. Das Flugzeug ist unerwartet groß. Zwei Sitzreihen an den Fenstern, vier in der Mitte, und dazu voll ausgebucht. So viele Leute wollen zu dieser Zeit nach Zypern? Nun ja, die meisten scheinen Rentner zu sein...
Auf dem Flug gibt es nicht viel zu sehen. Es gibt weder Bordunterhaltung, noch Zeitungen. Es gibt dermaßen viele Turbulenzen, dass das Austeilen der Mahlzeiten unterbrochen und selbst das hochheilige Duty-Free-Shopping abgebrochen werden muss. Meine Sitznachbarin gesteht mir, dass sie ihre Flugangst erst vor Kurzem in den Griff bekommen hat. Sie heißt Belén und kommt aus Madrid. Somit stellen wir fest, dass wir beide Spanisch sprechen, was die Flugzeit schon um einiges kürzer macht.
Belén berichtet mir davon, dass sie im Rahmen eines der Europa-Bildungsprogramme nach Zypern fliegt. In Nikosia wird sie an einem Workshop teilnehmen, in dem es um die Trennung Zyperns geht. Allerdings nicht die sichtbare Trennung mit Stacheldraht, sondern die Trennung in den Köpfen der Menschen. Vorurteile und alles was dazugehört. Sicher ein sehr interessanter Workshop, doch ich möchte Zypern anders kennen lernen: Im direktem Kontakt mit den Menschen und der Landschaft.
Nach 4 Stunden Flug lockert sich die Wolkendecke langsam und wir nähern uns Zypern. Belén und ich witzeln schon, dass die Insel doch eigentlich viel zu klein für das riesige Flugzeug sein müsste. Tatsächlich nimmt sich der Airbus 300 der Lufthansa unter den vielen russischen Seelenverkäufer-Tupolevs und anderen europäischen Flugzeugen extrem groß aus. Fluggastbrücken gibt es nicht. Die Passagiere werden erst nach und nach mit Bussen in das verkommene Empfangsterminal gebracht.

Sofort wird das kleine Gepäckband von den vielen Passagieren bedrängt. Das ändert allerdings auch nichts daran, dass es Ewigkeiten zu dauern scheint. Belén und ich wechseln uns ab. Immer steht einer am Gepäckband, während der andere auf das Handgepäck aufpasst.
Nach einer Weile habe ich endlich mein heiß geliebtes Fahrrad wieder in meinen Händen. Alles wird zusammengeschraubt und aufgepackt. Belén versorgt mich gleich mit Infomaterial aus der Touristeninformation und denkt noch eine Weile darüber nach, ob sie mich mit ihrem Mietwagen nach Nikosia bringen soll. Doch in einem Suzuki-Geländewagen würde das wohl ziemlich eng werden. Wir schlagen uns den Gedanken aus dem Kopf und verabschieden uns voneinander.

Mein erster Eindruck von Zypern? Was soll man sagen. Ein typischer Flughafen mit nervtötendem Verkehr drumherum. Zugegeben: So schlimm ist der Verkehr gar nicht. Wenn da nicht ein Problem wäre: Die fahren alle links! Noch nie in meinem Leben bin ich mit meinem eigenen Rad links gefahren. Mit wackeligen Beinen begebe ich mich in "falscher Richtung" in den Kreisverkehr und folge der vierspurigen Schnellstraße in "falscher Richtung" gen Larnaca. Die Sonne geht schon unter. Extrem früh, wenn man bedenkt, dass es gerade erst halb 5 ist.
Die ein oder anderen Probleme habe ich erst noch beim rechts abbiegen zu bewältigen. Da meint man ordentlich abzubiegen und findet plötzlich Autos in "verkehrter Richtung" vor sich...

Nach nur 6 Kilometern entgegen vieler Einbahnstraßen durch die Altstadt erreiche ich endlich mein heutiges Ziel: Die Jugendherberge.
Sie ist von außen schwer zu erkennen, da sie in einem Gebäude zusammen mit der Moschee ist. Und das im doch so griechischen Larnaca... Ein wenig ratlos stelle ich mein Rad auf dem schmutzigen Innenhof ab und beginne jemanden in der Jugendherberge zu suchen. Hmm... eine schmutzige Küche, dunkle Räume, ein stinkendes Bad... aber kein Mensch zu sehen!
Dann kommt mir plötzlich jemand entgegen, den ich nach den Herbergsleuten fragen kann: Auch ein Deutscher, wie sich herausstellt. Er heißt Frank und ist eine Woche lang mit einem Mietwagen quer durch Südzypern gekurvt. Morgen geht es für ihn wieder nach Hause. Er weist mich auf das kleine Grüppchen hin, welches in lustiger Runde im Innenhof sitzt. Darunter auch die Herbergsbesitzer.
Frank und ich nehmen uns zusammen ein Zimmer für eigentlich viel zu teure 10 Pfund (1 Zypern-Pfund = ca. 1,70 EUR). Danach gehen wir noch zusammen ein wenig durch die Stadt. Während er Zyperns langsam schon ein wenig überdrüssig ist, bekomme ich meine ersten Eindrücke.
So frage ich in einem kleinen Hotel nach weitergehenden Informationen zur dort aushängenden Tauchwerbung. "7 days a week, 24 hours a day" steht da. Mit starkem russischen Akzent versucht mich der Besitzer zu verscheuchen: "We have Sunday! Everything closed!". Im selben Moment kommt eine stolze russische Schönheit aus der "Bar" nebenan heraus stolziert. Eine blonde Haarpracht, die das Kopfvolumen gleich um 500% ansteigen lässt, "hocherotische" Schmollippen, die jede Dolly Buster neidisch machen würden, von der großzügigen Verwendung von Silikon gar nicht erst zu sprechen. Naja, es scheint ja nicht alles geschlossen zu haben... Und plötzlich findet er doch noch einen Prospekt für mich.

Zurück in der Herberge ist inzwischen eine Party ausgebrochen. In lustiger Runde tanzen Herbergsbesitzer und Bekannte miteinander quer durch den Raum, der kleine Welpe jault, was das Zeug hält, und die Stereoanlage plärrt türkische (!) Lieder in ihrer ganzen Herz(Nerven?)zerreißenden Stimmung.
Nein, so ganz ernst zu nehmen scheint man das mit der Trennung Zyperns nicht. Zumindest hier nicht: Ein alter Türke in abgetragenem Anzug nimmt mich zur Seite: "Go to the North! Much better! Hotels very cheap! People very friendly!" Mehr Englisch kann er leider nicht. Er drückt mir noch einen alten zerfledderten Tourismusprospekt für Nordzypern in die Hände, auf dessen Karte Südzypern nahezu nicht existiert. Ich muss die Realität also selbst entdecken...

Tag 1:
Hamburg - Larnaca


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