Zwischen Pazifik und den USA

Endlich! Nachdem sich der Taifun verzogen hat, brechen wieder ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Das Meer hat sich wieder beruhigt, und Tauchen ist wieder möglich. Am Morgen werden wir von der Tauchbasis im Hotel abgeholt und packen die Ausrüstung ein, die wir bereits vor Tagen ausgesucht haben. Von einem kleinen Anleger inmitten des industriellen und militärischen Hafen Guams - dem Apra Harbour - legen wir ab. Dabei verlassen wir die Bucht des Apra Harbour allerdings nicht, da das Meer draußen noch zu rau ist.

Alles ist wieder neu. Da Guam zu den USA gehört, sind die Tauchanzeigen im imperialen System - selbst die Luftanzeige deckt sich nicht mit der, die man aus vielen anderen Ländern gewohnt ist. Mit einem mulmigen Gefühl springe ich ins Wasser.
Unter mir trübe Dunkelheit. Erst jetzt merkt man, wie sehr das Wasser vom Taifun aufgewühlt wurde, so schlecht ist die Sicht. Mehr als 10 Meter sind kaum drin. An einer Ankerleine tauchen wir ab in die trübe Brühe. Nach einer Weile zeichnen sich unter mir Konturen ab: Die Umrisse eines, vor Jahren an dieser Stelle gesunkenen und inzwischen mit Algen überwucherten, Tankers. Angesichts der schlechten Sichtweite dringen wir nicht in den Tanker ein. Viel zu sehen gäbe es, abgesehen von dem Steuerhaus, sowieso kaum. In den unteren Ebenen des Tankers sind bereits zahlreiche Taucher verunglückt. An der Decke des Steuerhauses gibt es eine Luftblase, in der man auftauchen und reden könnte. Allerdings kann auch das kaum empfohlen werden, da die Luft darin toxisch ist und man zum Notfall werden könnte, wenn man dummerweise beim Reden den Regulator aus dem Mund nimmt...


American Tanker

Unser nächster Tauchplatz sind die Western Shoals, ein Riff welches von 3 auf 24 Meter hinabgeht. Aufgrund des starken Wellenganges heute können wir jedoch kaum höher als 8 Meter am Riff hoch tauchen. Dort oben greifen einen die Wellen und werfen einen vor und zurück. Das war schon gut von oben zu erkennen, wo sich die Wellen über dem, über der Wasseroberfläche unsichtbaren, Riff brechen.
Alles in Allem scheint man das ungeschriebene Tauchgesetz des "Nichts anfassen" in Guam nicht sehr ernst zu nehmen. Da werden Tintenfische aus ihren Verstecken gezogen, niedliche Kugelfische "geknuddelt" und so weiter... Schade eigentlich, dass wir die äußeren Gewässer Guams kaum zu Gesicht bekommen haben. Alleine für die Tauchplätze im Apra Harbour lohnt es sich sicher nicht nach Guam zu reisen.


Western Shoals

Nachdem wir zurück im Hotel sind, besucht Andreas wieder seine Freundin, und ich begebe mich mit dem Rad auf eine kleine Tour nach Hagat˝a. Neben der (etwas kleinen) Replika der Freiheitsstatue befindet sich das so genannte Chamorro Village. Die Chamorros sind die ursprünglichen Bewohner dieser Insel, doch zwischen Pick-Up's, McDonald's, US Militär und japanischen Touristenbunkern bleibt von ihrer Kultur kaum noch etwas übrig. Das Chamorro Village scheint wie ein letzter, verzweifelter Versuch, noch ein wenig von der Kultur der Chamorros zu erhalten. Hier findet etwa einmal in der Woche ein Chamorro-Fest statt, bei dem es hauptsächlich ums Essen geht.
Eine originale Chamorro-Sprache gibt es bis heute kaum noch. Ihre Sprache ist ein Mix aus den ursprünglichen Sprachen der Ureinwohner und dem Spanisch der Conquistadores, die bis zum Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898 über die Insel herrschten. Das bemerkt man schon, wenn man am Flughafen ankommt. Neben "Exits" gibt es "Salidas" und auch dem gebräuchlichen "Buenhas Dias" erkennt man seine Herkunft sofort an.

Brigitte hat es sich gestern nicht nehmen lassen, uns für heute Abend zu dem Haus der Bible Fellowship einzuladen. Andreas steht dem Ganzen etwas kritisch gegenüber und zieht es vor, diesen Abend mit seiner Freundin zu verbringen, da sie heute Nacht abreist.
Ich habe heute Abend so oder so nichts sinnvolles vor. So passiert es, dass Brigitte mich am frühen Abend abholt und wir gemeinsam zur Bible Fellowship fahren. Gerade, da in Deutschland jede nicht-evangelisch, oder -katholische Kirchenvereinigung leicht als Sekte gebrandmarkt wird, interessiert es mich doch, worum es sich hier handelt. Von außen wirkt das Gebäude nicht besonders. Abgesehen von dem großen Logo an der Einfahrt sieht man ihm gar nicht an, dass es sich hierbei um eine Kirche mit integriertem Gemeindezentrum handelt. Etwas verwirrt bin ich doch, dass Brigitte mich bei allen als "New Fellow" vorstellt, aber die Leute sind ausnahmslos freundlich und interessieren sich dafür, was mich nach Guam treibt. Die Gemeinde besteht, meinem Eindruck nach, fast ausschließlich aus Nordamerikanern. Ich könnte mich hier wohl fast in einer amerikanischen Kleinstadt befinden, wüsste ich nicht, dass ich mich hier viele tausend Kilometer von den USA entfernt auf einer pazifischen Insel befinde.
Nach einer Weile begeben sich alle in einen Versammlungsraum, der sich als Kirche herausstellt. Aber ganz anders, als man es gewöhnt ist. Der Pastor, ein netter älterer Mann mit Halbglatze, dessen Bierbauch ein Hawaii-Hemd schmückt, justiert den Beamer, und es geht los. Auf der Leinwand erscheinen Videos von Sonnenuntergängen und Überflüge über beeindruckende Landschaften und Küsten. Dazu besingt im Hintergrund ein kräftiger Chor "The Lord" und "Christ" und die Leute singen mit.
Nachdem dies vorüber ist, beginnt der Pastor mit seiner Vorlesung aus Teilen der Bibel. Er liest einzelne Passagen vor und gemeinsam schließen die Leute Schlussfolgerungen daraus auf ihr Leben. Eine Art Diskussionsrunde entsteht, in der sich jeder einbringen kann.
Gerade heute wird den Leuten und Medien erst bewusst, was der über New Orleans gezogene Hurrikan angerichtet hat. Mehrmals fällt die Bitte, dass Gott die US Coast Guard, oder Hilfseinrichtungen segnen möge...




Der Stolz des Abends: Frisch gebackener Opa mit Enkel

Nach dem Gottesdienst gibt vor dem Gebäude ein herrliches Büffet, bei dem ich mich nicht zurückhalten kann. So viel leckeres Essen! Ich habe seit heute morgen nichts gegessen, und ein paar Kilometer auf dem Fahrrad, sowie die zwei Tauchgänge, haben mich ziemlich ausgelaugt. Doch es kommt noch besser: Ich werde von den netten Leuten zum Essen bei Wendy's eingeladen. Dabei zeigt sich, dass ich - der noch nie in den USA war - keine Ahnung von amerikanischen Essgewohnheiten habe. Mehrere Lagen Pfannkuchen mit Sirup putzt der ein oder andere selbst nach 9 Uhr abends noch locker weg. Ich bin beeindruckt...


Tag 21:
Tamuning-Hagat˝a


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