Fahrt zum Ritidian Point

Ein Blick nach draußen verheißt nichts Gutes: Der Sturm hat kaum nachgelassen. Immer noch biegen sich die Palmen im Wind und der Regen fällt wie Bindfäden vom Himmel. Andreas liegt schnarchend im Bett und lässt sich zu keiner Regung bewegen.

Kaum, dass der Regen am Mittag weniger wird, schwinge ich mich aufs Rad, und starte eine spontane Exkursion in den Norden der Insel. Erst fahre ich auf dem Marine Drive aufwärts und nehme dann die No 9 nach Norden. Die breite Straße führt mich durch große Militär-Wohngebiete. Darin befinden sich Schulen, Kindergärten, Firmen und Supermärkte, welche die Waren nur zum halben Preis des auf der Insel Üblichen verkaufen. Überprüfen kann ich das allerdings nicht - der Zutritt wird nur Armeeangehörigen gestattet. Einen Burger könnte ich mir trotzdem noch gönnen: Die Eingänge zu diesen "Resorts" sind gesäumt mit McDonald's und anderen Fast-Food-Ketten.


Marine Drive

In der Nähe des Guam Observatory biege ich auf eine kleine, holprige Straße nach Nordwesten ab. Zu beiden Seiten ist sie von hohem Stacheldraht umgeben und Schilder warnen vorm Betreten. Irgendwo im Dickicht des Dschungels befindet sich die größte Militärbasis der USA im Pazifik. Zwischen dieser und dem Northwest Field, der ehemaligen Basis der Amerikaner im Zweiten Weltkrieg, windet sich die Straße mit beeindruckenden Aussichten über der Küste entlang.


Ritidian Point

Von hier oben fahre ich steil abwärts in das Guam National Wildlife Refugee. Hinter dem Office des Park Rangers führt ein schlammiger Weg zum Strand. Ich versinke mit meinem Fahrrad bis über die Pedale in mehreren Pfützen, die der starke Regen der letzten Tage hinterlassen hat. Der weiße Sandstrand ist beeindruckend. Der starke Wind und die Strömungen an dieser nördlichsten Stelle Guams türmen riesige Wellenberge auf, die sich krachend auf dem Strand zerschlagen. Die Szenerie lädt nur so zum Schwimmen ein, versuchen sollte man es angesichts der extrem starken Strömungen aber nicht...






Immer ein Lächeln auf dem Panzer...

Obwohl die Sonne den ganzen Tag lang nicht scheint, ist die Fahrt zurück auf das Hochplateau schweißtreibend. Der nördliche Teil der Insel war vor Millionen Jahren ein flach im Wasser liegendes Atoll, welches sich erst durch vulkanische Eruptionen im Süden der Insel angehoben hat. Das Ergebnis ist ein relativ ebenes Inselinneres mit steil abfallenden Klippen.
Über dem Klippenrand bietet sich mir eine Untergangsszenerie: Vor mir taucht ein letzter Ausläufer des Taifuns auf. Der Himmel verfärbt sich dunkel und die Blätter beginnen zu rascheln. Jetzt ist es nur noch eine Frage von Sekunden, und ein extrem starker Regenschauer kommt auf mich zu.
Just in diesem Moment hält neben mir ein Pick-Up und ein freundlicher Insulaner fragt mich: "Need a lift?"
Das lasse ich mir nicht zweimal sagen! Schnell ist das Rad auf der Ladefläche verstaut und ich sitze im Führerhaus des klapprigen Wagens. Der Fahrer ist so freundlich, mich gleich die etwa 30 Kilometer bis zurück zum Hotel nach Tamuning zu fahren. Kurz nach der Abfahrt beginnt der Regen mit solch unverminderter Härte, dass die Scheibenwischer kaum noch etwas ausrichten können. Zeitweilig sehen wir nur noch 2 Meter weit, der Rest ist eine einzige weiße Wand.

Zurück in Tamuning zeigt sich, dass Andreas wieder wach ist. Zusammen gehen wir in den gegenüber vom Hotel gelegenen "Sunshine Bookstore", in dem es neben religiösen Büchern auch leckere Sandwichs gibt. Am Anfang plaudern wir ein wenig mit Gwen und nach kurzer Zeit kommt eine deutschsprachige Frau in den Laden. Sie heißt Brigitte und arbeitet hier für die Liebenzeller-Mission, welche den Buchladen gegründet hat. Während unseres Gesprächs kommen wir darauf zu sprechen, dass Andreas und ich im Januar auf die südlicher gelegenen Inseln reisen möchten, aber einen Umweg um die extrem hohen Flugpreise in dieser Region finden wollen. Brigitte weiß leider auch nicht weiter, ruft aber kurzerhand einen deutschen Piloten an, der hier in der Gegend wohnt. Nie hätten wie gedacht, dass hier doch einige Deutsche wohnen!
Der Pilot heißt Edmund Kalau. Er kommt mit seiner Frau Elisabeth eigens für uns mit dem Auto vorbei. Angeregt unterhalten wir uns über "Gott und die Welt" in Mikronesien und werden kurzerhand zum Abendessen eingeladen.

Am Abend holen Edmund und Elisabeth uns mit ihrem Auto ab. Was sich uns hier offenbart, ist einfach beeindruckend. Edmund und Elisabeth haben die komplette Wohnung mit mikronesischen Artefakten, Landkarten, Fotos und Literatur gefüllt! Edmund ist Reverent (Pastor) und Missionar. Er erzählt uns davon, dass er in den Fünfzigern, als selbst die Menschen auf Guam noch in den Lendenschurz herumliefen, die Pacific Missionary Aviation gegründet hat. Alles begann mit einem kleinen, zweimotorigen Flugzeug, welches er aus dem USA über Europa und Asien nach Mikronesien geflogen hat. Dieses Flugzeug diente dazu, Versorgungs- und Krankenflüge zwischen den weit auseinander gelegenen Inseln Mikronesiens durchzuführen, sowie natürlich die "Gute Botschaft" zu überbringen. Heute hat die Pacific Missionary Aviation ihre Hauptbasis auf der Insel Yap und betreibt dort zwei Flugzeuge vom Typ Beechcraft.
Die Geschichten, die Edmund uns an diesem Abend erzählt, sind einfach beeindruckend. Er erzählt uns von den mystischen Ruinen auf Pohnpei, dem Aufbau von Kirchen und Anlegen von Landebahnen auf extrem abgelegenen Inseln und den Eigenarten der Inselbewohner im Wandel der Zeit. Mit den Erzählungen aus seinem Leben könnte man sicher unzählige Bücher füllen.
Als wir uns am Abend von Edmund und Elisabeth verabschieden, steht eines unserer nächsten Reiseziele fest: Yap.
In einem halben Jahr werden wir sie dort wiedertreffen.


Edmund Kalau

Tag 20:
Tamuning-Hagatna


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