Welcome to America!

Fliegen ist wirklich nicht der beste Weg, um sich auf ein neues Land einzustellen. Es ist jetzt 1 Uhr nachts und in etwas mehr als einer Stunde wird uns der Flieger schon auf Guam aussetzen. Und das, obwohl wir die vielen Eindrücke von Korea längst noch nicht verarbeitet haben.
Die Stewardessen haben einige Probleme damit, uns die richtigen Einreiseformulare zu geben, da wir keine Koreaner sind, wie der Großteil der Passagiere. Guam ist für die Japaner und Koreaner in etwa das, was Mallorca für die Deutschen ist. Trotzdem ist es für uns eine absolut unbekannte Insel. Grob gesagt: Ein Flecken Land irgendwo mitten im Pazifik beim Marianengraben und rund 1000 Kilometer östlich der Philippinen.
Leicht schockiert blicken wir auf die Einreiseformulare: "US Immigration" steht da. Wieso denn das?! Wir wollten doch gar nicht in die USA! Der Inhalt dieses "Fragebogens" ist berühmt-berüchtigt: Wir müssen versichern, nicht an den Nazi-Verbrechen teilgenommen zu haben, keine terroristischen Absichten zu haben, nicht wegen terroristischer Taten im Gefängnis gewesen zu sein, und, und, und... Liest man das Kleingedruckte auf der Rückseite, hat man irgendwie das Gefühl, gar nicht willkommen zu sein...

Nach viereinhalb Stunden Flug hat die Dunkelheit des Pazifiks ein Ende. Unter uns taucht eine hell erleuchtete Insel auf: Guam!
Das Flugzeug dreht eine Runde über dem Südteil der Insel und setzt zur Landung an. Gebannt starre ich auf die gefährlich nahen, unter uns vorbeiziehenden, Berggipfel... Auf genau diesem Flug hat sich 1997 eines der größten Unglücke der Luftfahrt ereignet. Die Boeing 747 des Korean Air Flug 801 prallte im Süden der Insel gegen den Nimitz Hill, wobei 228 der 254 Insassen ums Leben kamen. Dass der Flug bei Wiederaufnahme ein paar Jahre später eine andere Flugnummer bekam, mag das wohl kaum vergessen machen. Doch im Gegensatz zum Unglückstag ist das Wetter gut und das Instrumentenlandesystem arbeitet wieder. Die Maschine setzt sicher auf dem Flughafen Won Pat auf.

Nun steht uns die Einreiseprozedur bevor: Nachdem wir unsere Räder in Empfang genommen haben, meines von seiner Verpackung aus Klebeband befreit, und das Gepäck aufgesattelt haben, geht es weiter zum Zoll. Noch einmal werden alle Fragen, die wir bereits auf dem Einreiseformular beantwortet haben, mit strenger Miene abgefragt. Ich fühle mich wie bei einem Verhör, das mein Erinnerungsvermögen testet - zumal das Englisch der guten Dame einen schwer verständlichen lokalen Dialekt aufweist. Es werden Abdrücke des linken und des rechten Zeigefingers genommen und es wird ein hübsches Foto gemacht. Dann rammt Sie den Stempel der US Immigration in meinen Pass. Ich möchte schon quengeln, dass ich keinen Guam-Stempel bekomme, befürchte aber, dass die kratzbürstige Dame mich dann anfauchen und gar nicht mehr einreisen lassen würde.
Danach geht es noch einmal zur Gepäckkontrolle, wo wir alle Taschen öffnen müssen. Mein illegal eingeschmuggelter Käse aus Korea kommt trotzdem durch. Glück gehabt!

Nun gilt es mit unseren Rädern den Weg zum Tamuning Plaza Hotel zu finden, welches wir bereits vor ein paar Tagen von Korea aus über Internet gebucht haben. Draußen empfängt uns eine angenehme Wärme - kein Wunder - und das bei 2:30 Uhr in der Nacht. Ein Südsee-Paradies hätten wir uns allerdings anders vorgestellt: Wir rollen auf mehrspurigen Straßen an Autohäusern, McDonald's, Burger Kings und Wendy's-Restaurants vorbei. In mir, der noch nie in den USA gewesen ist, werden gleich Erinnerungen an Hollywood-Filme und US-Serien wach. Es sieht alles absolut aus, wie man sich die USA vorstellt. Mal davon abgesehen, dass wir weit und breit die einzigen sind, und alles so ausgestorben wirkt. Als wenn eine Seuche die komplette Bevölkerung ausgerottet hätte, was aber wohl eher an der späten Stunde liegt. Aus der Traum vom unberührten Südseeparadies...

Wissenswertes über Guam
Da die meisten Leute die Insel Guam auf der Weltkarte nur mit Mühe ausmachen können (geschweige denn etwas zu der Insel sagen können), ist es sicher nötig, hier ein paar Worte zu dieser fernen Insel im Pazifik zu verlieren.
Die Insel befindet sich auf der Weltkarte gesehen direkt nordwestlich des Marianengrabens. Sie liegt eingekeilt zwischen den südlich gelegenen Föderierten Staaten von Mikronesien und den Nördlichen Mariannen.
Den ersten Kontakt mit Europäern hatten die Chamorros (die Ureinwohner der Insel) bereits 1521, als Magellan bei seiner Weltumrundung hier landete. Bereits 1565 wurde sie von Spanien beansprucht, war aber erst von 1668 bis 1815 ein bedeutender Zwischenstopp spanischer Handelsschiffe zwischen den Kolonien der Philippinen und Mexiko. 1898 fiel sie durch den Spanisch-Amerikanischen Krieg an die USA. Die Amerikaner vermieden bis zum Angriff auf Pearl Harbour alles, um die Japaner zu provozieren. So lag Guam ohne nennenswerten militärischen Schutz da, als die japanischen Truppen im Jahre 1941 auf die Insel einfielen. Doch durch den blutigen "Battle of Guam" im folgenden Pazifikkrieg wurde sie schon im Jahre 1944 von den Amerikanern zurückerobert und ist seit 1950 ein "US Territory". Die Bewohner Guams sind Staatsangehörige der USA. Das Staatsoberhaupt ist der amerikanische Präsident (ungeachtet dessen, dass die Einwohner Guams kein Wahlrecht für ihn haben).


Beim Battle of Guam starben 18.000 Japaner und 3.000 Amerikaner

Die Landfläche ist mit nur 549 km² recht klein. Davon wird allerdings etwa ein Drittel durch US-Militärbasen beansprucht. Die Insel ist nach dem zweiten Weltkrieg militärisch extrem befestigt worden. Die Anderson Air Force Base ist wichtigste Kommandobasis der USAF im Pazifik und stationiert, als einzige Basis außerhalb des US-Festlandes, B-52-Bomber. Keine andere US-Insel liegt China so nahe und mit der aufsteigenden Macht des Roten Reiches bauen die USA die Militärbasen auf Guam weiter aus. Zugleich ist Guam ein wichtiges Tourismus-Resort für asiatische Touristen, allen voran Japaner.
Angesichts dieser ernüchternden Daten wird man hier sicher kein unberührtes Südseeparadies mehr erwarten können.


Wir schlafen ein paar Stunden und treffen uns am Morgen mit den beiden Mädels in ihrem Hotel: Andreas' Freundin ist mit einer weiteren Freundin bereits vor einer Woche auf Guam eingetroffen. Während wir uns das günstigste Hotel mit seinen freundlichen Besitzern ausgesucht haben, wohnen sie direkt am Strand in einem schönen 4-Sterne-Hotel. Der Ausblick vom, an der freien Luft liegenden, Restaurant ist fantastisch: Ein herrlicher, weißer Strand. Dahinter türkisblaues Wasser. Am Horizont, als kleines Sahnehäubchen sozusagen, noch eine fast kitschig wirkende Insel mit weißer Umrandung und darüber ein herrlich blauer Himmel mit Schäfchenwolken. Nur einen Tag nach der Hektik Busans finden wir uns in der Südsee wieder!
Die beiden Damen sind eingeschnappt. Die ganze letzte Woche wäre das Wetter nie so gut gewesen! Dadurch hätten sie nur die Möglichkeit gehabt, shoppen zu gehen (aha...). Die ganze Zeit habe es nur geregnet. Herrlich! Dann kommen wir ja genau richtig!

Nach dem Frühstück schwingen Andreas und ich uns auf die Räder und fahren nach Hagat˝a, um eine gute Tauchbasis ausfindig zu machen. Die mehrspurigen Straßen sind tagsüber dicht befahren. Die sparsamen Hyundais und Daewoos sind amerikanischen Benzinschleudern gewichen. Alle Welt fährt einen Pick-Up oder schicke Limousinen. Große Trucks und Greyhound-Busse pusten uns die Abgase direkt ins Gesicht. Trotz allem lässt es sich als Radfahrer besser fahren, als erwartet. Niemand hupt uns von der Straße und alle fahren recht gemächlich. Es gibt sogar Trucker, die längere Strecken hinter uns fahren und uns damit den Rücken freihalten.




Neue Kräfte für den Irak gesucht?

Eigentlich haben wir nur zwei Tauchbasen zur Auswahl: Die Micronesian Divers Association (MDA) und die Guam Tropical Dive Station. Die Leute von MDA verwirren uns mit ihrem undurchsichtigen Preissystem für Inselbewohner, Halb-Inselbewohner, Nicht-Inselbewohner, Club- und Nicht-Clubmitglieder dermaßen, dass wir uns schnell für die Guam Tropical Dive Station entscheiden. Wir verabreden für morgen einen kleinen Auffrischungs-Tauchkurs, da wir beide noch nie zusammen Tauchen waren und auch seit fast einem Jahr nicht mehr tauchen waren.


Kriegsspuren im War in the Pacific Historical Park

Auf dem Rückweg von Agana zum Hotel in Tamuning machen wir noch einen kleinen Zwischenstopp bei einem Fahrradladen. Der Besitzer, ein freundlicher Chamorro, ist ganz aus dem Häuschen über uns beide. Zwei verrückte Europäer, die mit dem Fahrrad hierher kommen! Im Flugzeug! Dazu auch noch einer von ihnen mit einem Liegerad! Unglaublich!
Als Geschenk bekommen wir von ihm ein paar Nette Aufkleber, mit einem Strichmännchen nach Art der alten Insel-Wandmalereien. Mit einem kleinen Unterschied: Das Männchen auf diesem Aufkleber sitzt auf einem Fahrrad. Zumindest ist es kein Liegerad - die hatten sie damals wohl noch nicht.



Heute Abend soll es mit den Mädels zum Shopping in das Agana Shopping Center gehen. Das Problem ist allerdings, dass Taxis hier sehr teuer sind, und von unserem Hotel aus keine Busse fahren. Wir entscheiden uns also kurzerhand, einen Tag ein Auto zu mieten. Radfahrer-Ehre hin oder her.
Herr Yang an der Rezeption schlägt sich schon die Hände an die Stirn, als ich ein Auto mit "Manual Gear" wünsche: "Ihr verrückten Europäer immer mit eurem Manual." sagt er uns lachend. Es gibt nur Automatik-Fahrzeuge. Also muss ich mir kurzerhand den linken Schuh ausziehen, solange ich am Steuer sitze. Andernfalls besteht die Gefahr, dass ich den linken Fuß reflexartig zum Kupplung schalten verwenden würde. Ein fester Tritt auf die "Kupplung" in diesem Fahrzeug würde allerdings die Bremse betätigen...


Shopping-Meile in Tumon

Tag 17:
Tamuning - Agana - Tumon


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