Die spinnen, die Koreaner!

Ungläubig starren wir am Morgen aus dem Fenster: Seit Tagen scheint zum ersten Mal die Sonne mit voller Kraft! Das erste Mal können wir in Korea bis zum Horizont schauen - nichts bleibt mehr von einem allgegenwärtigen Schleier feuchter Luft verhangen. Die Sichtweite und die Farben, die uns die Landschaft am heutigen Tag bieten wird, sind einfach nur fantastisch. Zum ersten Mal wird uns bewusst, wie schön Korea sein kann.


Chön charf...

Die Bauern nutzen die Gunst der Stunde. In den Dörfern liegen große Mengen Chilischoten zum Trocknen auf dem Asphalt. Ein netter, farbiger Anblick. Scherzhaft warnt Andreas mich vor jedem näher kommenden Chilihaufen. Mir sind diese scharfen Gewürze einfach zu suspekt. Wie kann man nur solche Mengen davon herunterschlingen?
Ebenfalls suspekt erscheinen mir sämtliche Bankangestellte in den Dörfern. Nach jedem Versuch komme ich erneut wutschnaubend aus der Bank heraus. Inzwischen bin ich so sauer, dass ich am liebsten eine Bank überfallen würde. Es scheint für einen Ausländer schlichtweg unmöglich zu sein, hier Geld zu bekommen. Gleichgültig, ob die (nicht Englisch sprechenden) Bankangestellten es einem versichern, oder nicht. Wenigstens können wir in jedem Dorfladen mit unseren Visa-Karten bezahlen. DAS geht nun wieder!


Bitte lächeln!

Wir folgen noch eine Weile lang der Nationalstraße 7 und biegen dann auf eine einsame Küstenstraße ab. Hier beginnt der landschaftlich schönste Teil unserer Route an der Küste. Immer wieder haben wir mit knackigen Anstiegen zu kämpfen und lassen uns dann wieder bergab in kleine Fischerdörfer rollen. In den Feldern arbeiten alte Menschen und pflücken noch mehr Chilischoten für die nach Schärfe gierende Bevölkerung. Es ist wie mit vielen weit abgelegenen Dörfern auf der Welt: Das landschaftliche Panorama ist atemberaubend, doch die Jugend wandert aus.
Überall sieht man Fischrestaurants mit allerlei Fischarten in den Aquarien, dass man sich wundern muss, ob in der koreanischen See überhaupt noch etwas lebt.



Hinter Yeongdeok hat die Ruhe ein Ende. Die Nationalstraße verläuft hier wieder direkt an der Küste, und das gleich vierspurig. Nach den vielen Anstiegen auf der kleinen Küstenstraße legen wir nun richtig los und fressen Kilometer. Der Schwerlastverkehr rast an uns vorbei, doch hält er, wie alle anderen Verkehrsteilnehmer, gebührend Abstand. Diese Eigenschaft von Korea lieben wir. Es gibt einfach keine unangenehmen Autofahrer (den einen, der mich heute beim Abbiegen stark geschnitten hat, mal nicht erwähnt - es wären ja nicht meine Kratzer im Lack gewesen...).
Erfolglos versuchen wir unsere Räder auf einer automatischen LKW-Waage an der Autobahn zu wiegen. Es ist deprimierend: Die Waage betrachtet uns als zu leicht und die Nadel hebt sich gar nicht erst. So leicht kamen uns unsere Räder aber gar nicht vor...

Bei Songra verlassen wir die Nationalstraße 7 wieder und steuern auf unser Ziel zu: Über eine leicht ansteigende Landstraße durch Reisfelder und Wälder nähern wir uns dem Bogyeongsa-Tempel. Dem Tempel vorgelagert liegt ein kleiner Kurort. Als wir dort ankommen, sind die meisten Tagestouristen bereits verschwunden und wir können den einsam daliegenden Tempel, mit ein paar wenigen anderen Dagebliebenen, erkunden.

Für ein paar tausend Won haben wir ein kleines Zimmerchen bekommen. Darunter befindet sich ein Restaurant, in dem man uns gerne mit (scharfem...) Essen bewirtet. Neben uns klönen einige alte Koreaner untereinander und reißen Witze. Eine auffällig lustige Runde. Alle trinken eine Limonade, die von der Flasche her an Schweppes erinnert. Können wir ja auch mal probieren...
Nun... nach den ersten zwei Schlücken spucken wir nahezu Feuer: Es handelt sich um extrem scharfen Kartoffelschnaps! Kurze Zeit später knattert (!) ein Fahrrad vorbei und verteilt mit einer, auf dem Gepäckträger montierten Vorrichtung eine Wolke von Insektiziden im Dorf. Niemand schließt die Türen und außer uns bequemt sich niemand, ein Tuch vor den Mund zu halten. Nach dem Angriff auf unsere Speiseröhren hat man es jetzt also auf unsere Lungen abgesehen. Die spinnen, die Koreaner!


Tag 11:
Küstendorf - Bogyeongsa


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