Hinter Stacheldraht

Mit hungrigem Magen brechen wir am Morgen auf. Sinnam war kleiner als erwartet. Außer dem kleinen Souvenirshop gibt es im ganzen Dorf kein Restaurant und kein Geschäft. Nach ein paar Kilometern treffen wir auf eine größere Ortschaft und schaffen es, eine Tüte Milch und einige Cornflakes zu erstehen. Mit gedrückter Stimmung stellen wir uns an einer Haltestelle unter und löffeln unser Frühstück. Der Himmel ist immer noch grau in grau. Allerdings haben wir bereits seit gestern einen starken Rückenwind, der uns gut vorwärts kommen lässt.


Stacheldraht

Obwohl wir hier bereits rund 200 Kilometer südlich der Grenze sind, hat man immer noch Angst vor nordkoreanischen Agenten und U-Booten. Am gesamten Küstenstreifen verläuft ein rund 3 Meter hoher Stacheldrahtzaun, der nur innerhalb von Ortschaften kleine Türen aufweist, durch die man bei Tageslicht an den Strand gelangen darf. Hinzu kommen große Halogen-Scheinwerfer, die die gesamte Küste des Nachts in ein unwirkliches Licht tauchen, und alle paar hundert Meter Bunker und Stellungen, die allerdings nur noch sporadisch besetzt sind. Ein Zeichen, dass der Kalte Krieg auch hier endlich sein Ende finden wird?

Hinter Wondeok treffen wir wieder auf ein paar Jungendliche, die mit ihren Rädern die Küste entlang fahren. Danach geht die Straße durch leuchtend grüne Berge steil bergauf, bis wir am Scheitelpunkt die Grenze zwischen zwei Provinzen überqueren. Wir verlassen Gangwon-Do und radeln von nun an durch Gyeongsangbuk-Do.

Vor Uljin reihen sich gleich vier Atomkraftwerke aneinander. Stolz ob der großen Technik hat man in der Stadt große Denkmäler in Form von Atomen aufgebaut. Es gibt auch ein Besucherzentrum für Atomtechnik. Da hier allerdings alles in Koreanisch ist, sparen wir uns den Besuch und folgen der, wie einer Autobahn ausgebauten, Straße nach Uljin.
Bereits seit Tagen sind wir auf der Suche nach einem Geldautomaten, der unsere EC- oder Visakarten akzeptiert. Seit Chuncheon, vor 4 Tagen, haben wir keinen mehr gesehen. Geldautomaten an sich gibt es genügend. Das Problem ist nur, dass sie nur koreanische EC-Karten akzeptieren. Da in Korea Kombikarten mit EC- und Visa-Chip herausgegeben werden, ist den Bankangestellten meist gar nicht bewusst, dass die eigentlichen Visakarten nicht funktionieren. Die koreanischen Automaten akzeptieren zumeist nur den koreanischen EC-Chip. Eine Problematik, die die wenigen Ausländer in Korea kaum bemerken, da sie sich meistens in den großen Städten bewegen. Die nächste größere Stadt Pohang liegt allerdings noch fast zwei Tagesetappen entfernt und unsere Portemonnaies werden dünner und dünner...

Andreas lässt es sich nicht nehmen, dass wir eine der hier so zahlreichen Tropfsteinhöhlen besuchen. Wir geraten etwas aneinander: Ich möchte die unbekannten Stellen des Landes per Rad kennen lernen, während Andreas zugleich viele Sehenswürdigkeiten nicht verpassen will. Nach einigen Tagen reagiere ich schon auf die Erwähnung der Worte "Tempel" und "Höhle" allergisch. Die Höhlen sind zumeist ausgeschlachtete und überlaufene Touristenattraktionen, und die wenigen Tempel spiegeln das reale Bild des aktuellen Koreas kaum wieder. Das Land ist nur so von Kirchtürmen übersät. Aber alles wohl auch eine Sache der eigenen Prioritäten. Wenigstens sind wir uns darin einig, dass wir uns nicht für die hässlichen Fertigbau-Kirchen interessieren. Dann kämen wir wohl erst in mehreren Monaten in Busan an...

Von der Seongnyugul-Höhle folgen wir der Küste auf der schwach befahrenen Küstenstraße 917. Wir passieren kleine Fischerdörfer. Der Stress der Autobahnfahrt und mit den Banken ist schnell vergessen. Neben uns prallen hohe Wellen, mit starker Gischt, an die Felsen. Immer noch drückt uns ein starker Rückenwind nach Süden. Es wird wieder ursprünglicher.
Wir werden immer besser im Lesen koreanischer Buchstaben: Zurück an der Nationalstraße 7 erkennen wir ein Hotel direkt am Meer und bekommen ein tolles Zimmer mit Meerblick. Andreas ist phänomenal: Mit Händen und Füßen verhandelt er um den Preis und schafft es noch, uns ein im Preis enthaltenes Abendessen zu organisieren.
Im Zimmer gibt es wieder Fernsehprogramm "in dem sie sich schon ausgezogen" haben. Also wieder so ein Hotel, in dem die Eltern vor Familie und Kindern flüchten, um ein paar Schäferstündchen zusammen zu verbringen...


Angriff der Nordkoreaner? Wenn man nur die Zeitung lesen könnte...

Tag 10:
Sinnam - Küstendorf


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