Die Geschichte mit den Bienen

Der Regen hat aufgehört und wir sind wieder frohen Mutes weiterzufahren.
Die ersten Kilometer fahren wir durch kleine Dörfer mit typisch asiatischen Häuschen. Immer noch ist es sehr grün um uns herum. Es ist kaum noch etwas von der tristen Betonlandschaft zu erahnen, durch welche wir auf der Westseite der Berge geradelt sind. Laut Karte hätte es alles leicht bergab gehen müssen - stattdessen haben wir noch einmal mit heftigen Anstiegen zu kämpfen.



Nachdem wir den letzten Pass hinter uns haben, rasen wir mit hoher Geschwindigkeit durch die Kurven. Wie immer bremsen die entgegenkommenden und überholenden Autos stark ab. Kameras werden gezückt und wir werden fleißig fotografiert. Dabei ist es dem überholenden Verkehr egal, ob gerade laut hupender Gegenverkehr kommt. Für ein gutes Foto tut ein Koreaner schließlich alles.
Plötzlich - PAFF! - ein lauter Knall geht durch die Luft. Verwirrt blicke ich auf das überholende Auto. Nichts. Mein Hinterrad? Nichts. Der Rückspiegel? Ich sehe Andreas gerade noch in die Bordsteinkante kullern...
Sein hinterer Schlauch ist Schuld. Die Felgen sind durch das Bremsen überhitzt worden, wodurch der Schlauch schmolz und mit einem starken Knall in die Luft geflogen ist. Durch das darauf folgende Bremsmanöver liegt hinter Andreas eine 20 Meter lange Bremsspur. Auch der Mantel ist nicht mehr zu gebrauchen. Ein Glück, dass Andreas einen Ersatzmantel für seine kleinen Reifen dabei hat. Bei seinem höheren Gewicht und den kleinen Reifen scheinen sich die Bremsen und Felgen auf Abfahrten extrem schnell zu erhitzen. Testweise packe ich mit den Fingern an meine Felge und verbrenne mir fast die Finger... bis heute habe ich durch Überhitzung platzende Reifen stets für ein gut gepflegtes Radreise-Märchen gehalten.


Gebetshaus...

Die Stadt Yangyang ist kleiner als erwartet. Stolz zeigen wir den Leuten unser Zettelchen mit vielen koreanischen Buchstaben darauf: Der nette Herr aus dem Hotel war heute Morgen so nett, uns die Frage "Wo finde ich bitte das Busterminal?" in koreanischen Lettern auf ein Stück Papier zu schreiben. Das erleichtert es uns allerdings nicht, dem Leiter des kleinen Busterminals verständlich zu machen, warum wir um Himmels Willen bloß diese sperrigen Räder mit uns nehmen wollen. Fassungslos betrachtet er die Räder und scheint es nicht verstehen zu wollen, wie wir verrückten Gin-Ko's Fahrräder in den Bus kriegen wollen. Als der Bus dann da ist, geht dann doch alles ohne Probleme. Wir verstauen die Räder im Gepäckraum und setzen uns in den gemütlichen Bus, der uns die lange Autobahnstrecke bis Samcheok abkürzen soll.


Eine von vielen streng bewachten Kasernen

Während Andreas' Liegerad immer die ungeteilte Aufmerksamkeit der Umstehenden auf sich zieht, werde ich kaum beachtet. Irgendwie hat das auch was Nettes: Endlich kann ich die Weltsicht als Radreisender etwas zurückstellen und alles um mich herum ebenfalls als Beobachter sehen. Andreas scheint das übermäßige Interesse an seinem Rad mit der Zeit doch etwas auf die Nerven zu gehen. Am Anfang war das Interesse noch ganz schön für ihn, aber die immer gleichen Fragen zu beantworten ist sicher gar nicht so einfach. Wenigstens werden einem hier nicht dumme Sprüche, wie in Deutschland hinterhergerufen à la: "Nicht einschlafen!" Trotzdem findet er immer wieder Freude daran, die Leute auf sein Rad zu setzen - oder besser- zu legen - und den dann zögernd daliegendenden Menschen zu erklären, wie sich so ein Rad fahren lässt. Dafür muss man weder Koreanisch, noch Englisch können. Spaß macht es immer.

Hinter Samcheok geht es wieder bergauf. Endlich sind wir an der "Ostsee", wie sie hier genannt wird. Mit tollen Ausblicken folgen wir Steilküste und lassen den Blick nach Osten schweifen. Dort hinten, irgendwo hinter dem Nebel, dort muss Japan sein. Keiner von uns beiden ist jemals dort gewesen. Für Andreas ist es die erste Reise in Asien.



An einem Strandabschnitt treffen wir plötzlich auf andere Radreisende: Es ist eine Gruppe jugendlicher Koreaner, die mit Rucksäcken auf dem Rücken die Küste entlang radeln. Stolz tragen sie dabei die koreanische Flagge mit sich. Wir sind zwar die einzigen radelnden Europäer hier, aber mit Genugtuung können wir feststellen, dass wir nicht alleine verrückt sind. Es gibt noch genauso verrückte Koreaner.
Auf dem nächsten Anstieg überhole ich sogar einen dieser bis hoch zur Sonnenbrille vermummten Rennradler. Er muss unter seinem Mundschutz ganz schön verdutzt dreinschauen, als da plötzlich jemand mit schweren Packtaschen an ihm vorbeizieht.


Sinn für Kitsch: Der Tunnel ist aus Kunststoff

Oben angekommen treffen wir unterwartet auf das Ziel unserer heutigen Tagesetappe: Den Penis Park neben dem Fischerdorf Sinnam: Es ist ein beliebter Ausflugsort für koreanische Schulklassen und Familien mit Unmengen Fallussymbole in sehr lustigen Variationen. Allerdings möchten wir bezweifeln, dass sie mit rund 2 Metern Länge dem koreanischen Durchschnitt entsprechen... Wohl die koreanische Version davon, den Kindern zu erklären, wie das mit den Bienen klappt...
Es wirkt alles ein wenig surreal. Wir rollen mit unseren Rädern durch Wälder von 2-4 Meter großen Penis-Symbolen. Eine durchaus "interessant" anzusehende "Landschaft" ist es sicher trotzdem.




Wir konnten es uns einfach nicht verkneifen...

Direkt unterhalb des Parks befindet sich das verschlafene Dorf Sinnam. Über einem kleinen Souvenierladen mit Marmor-Dildos und sonstigen Souveniers, die man eher in einem Beate Uhse-Shop erwarten würde, als hier, beziehen wir ein kleines Zimmer. Von hier sehen wir die Kette von Hallogenscheinwerfern, die den gesamten Küstenverlauf bis zum Horizont ausleuchten. Dazu morgen mehr...

Tag 9:
Osaek - Bus Yangyang-Samcheok - Sinnam


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