Metuggi! Metuggi!

Hier auf dem Land sind die Temperaturen um einiges angenehmer. Erst jetzt merkt man, wie stickig es in Seoul war, denn plötzlich kann man wieder voll durchatmen. Und das, obwohl wir die ersten Kilometer einer recht stark befahrenen Schnellstraße folgen. Wir überqueren den Uiam-Damm, welcher den Bukhangang-Fluss zum Uiamho-See aufstaut, an dessen Ufern die Stadt Chumcheon liegt.
Wir glauben schon die große Stadt Chumcheon vor uns zu haben, als wir über einem Wald riesige Wohnblöcke herausragen sehen. Doch handelt es sich hierbei nur um ein kleines Trabantendorf auf dem Land - wie so viele andere in Korea. Architektonisch unterscheidet sich der Süden Koreas mit seinen "sozialistischen" Wohnblöcken sicher nur wenig vom Norden.


Der Bukhangang-Fluss

Chuncheon wird für einige Tage die letzte große Stadt auf unserer Strecke sein. Wir müssen also noch einige Dinge erledigen, die sehr viel Zeit in Anspruch nehmen: Geld bei einer Foreign Exchange Bank (riesiger Aufwand, die zu finden) wechseln, die Datensicherung der Digitalfotos im Internet-Café machen (fehlgeschlagen) und das Buchen eines Rückflugs von unserem Zielort Busan nach Seoul. Bei der Gelegenheit werfe ich noch einen Blick in verschiedene Outdoor-Geschäfte, um mir meine in Frankfurt verloren gegangene Regenjacke zu ersetzen. Dabei falle ich fast vom Glauben ab: GoreTex-Regenjacken kosten hier gut und gerne 900 Euro!

Während Andreas fast eine Stunde lang im Reisebüro sitzt, um mit Händen und Füßen begreiflich zu machen, dass wir die Fahrräder im Flugzeug Busan-Seoul mitnehmen wollen, stehe ich draußen vor einer Boutique und passe auf die Räder auf. Um mich herum das typische Gewusel einer koreanischen Stadt. Plötzlich kommt eine nette Dame aus der Boutique auf mich zu und drückt mir mit einem Lächeln zwei riesige Becher Eiswasser in die Hände. Nichts hätte ich jetzt besser gebrauchen können! Während viele Koreaner oftmals sprachfaul - ja nahezu stur wirken - wenden diese Momente der Gastfreundlichkeit wieder alles zum Guten.
Die Erledigungen in der Stadt haben so viel Zeit in Anspruch genommen, dass wir unser heutiges Tagesziel - den Seoraksan-Nationalpark - nicht mehr erreichen können. Auf der Fahrt aus der Stadt heraus sehe ich einen kleinen Outdoor-Laden. Ich will es noch einmal wissen; es kann einfach nicht sein, dass alle Jacken so teuer sind. Und siehe da: Zwischen den GoreTex-Jacken für mehrere Hundert Euro finde ich eine kleine Plastik-Regenjacke "Made in Bangladesh". Für umgerechnet 15 Euro. In Bangladesch regnet es auch viel - also müssten die doch wissen, wie man Regenjacken macht.
Fasziniert von Andreas' Liegerad schenkt uns der freundliche Verkäufer als Dank dafür, mal auf seinem Rad gelegen haben zu dürfen, zwei Isomatten. Sie sind gerade groß genug für europäische Hintern...


Eine Nebelbank zieht auf - Das Wetter schlägt um

Das Wetter wird tatsächlich schlechter. Groß und mächtig türmt sich vor uns der Soyang-Damm auf. Während der Fahrt hoch zum Damm beginnt es zu regnen. Hierbei beweist sich, dass meine neue Jacke zumindest in eine Richtung dicht ist: Von innen nach außen. Der Schweiß bleibt drinnen, das Regenwasser kommt rein. Ob die da in Bangladesh was falsch verstanden haben?
Schon seitdem uns der Sitznachbar auf dem Flug nach Korea von gegrillten Heuschrecken berichtet hat, redet Andreas nur noch von "Metuggi". Metuggi hier, Meutuggi da und Metuggi überall. Dummerweise gibt es die laut unserem Reiseführer nur noch am Soyang-See. Andreas' enttäuschter Gesichtsausdruck ist kaum zu beschreiben, als er anstatt der erhofften "Metuggis" nur gekochte Weinbergschnecken, halbrohe Muscheln, panierte Makrelen und Tintenfische vorfindet. Aber auch die schmecken ganz gut.


Der Soyang-See


Hydrofoil

Nach diesem kleinen Imbiss hieven wir unsere Räder mit vereinten Kräften in das kleine Hydrofoil-Boot, das uns über den See bringen soll. In scheinbar großer Angst vor den schmutzigen Rädern rücken einige Pärchen näher zusammen. Der Blick heftet auf den Rädern, als wenn wir 10 Rottweiler mit ins Boot genommen hätten.
Mit an Bord ist ein koreanisches Radler-Pärchen. Die beiden sind extrem sportlich: Während wir es heute gerade einmal auf etwa 20-30km gebracht haben, sind sie mit Ihren Mountainbikes schon über 100km über mehrere Pässe gefahren. Die beiden sind fasziniert von unseren Rädern und geben uns natürlich noch ein paar Tipps zum weiteren Streckenverlauf. Andreas, der noch ein Probleme mit Anstiegen hat, schieben sie kurzerhand den Berg an der Anlegestelle hoch. Beide sind bereits an die 50 oder älter...

Trotz des schlechten Wetters genießen wir die Landschaft. Eine Nebenstrecke führt uns durch urige Bauerndörfer, wie wir sie unseren bisherigen Eindrücken nach gar nicht mehr erwartet hätten.
Dann folgt die Krönung: Der Anstieg auf den 800 Meter hohen Gongtchi-Pass. Das mag nicht besonders hoch sein, allerdings beginnt es schon zu dämmern. Am Berg fahren wir ein absolut unterschiedliches Tempo, so dass es immer wieder zu kleinen Reibereien kommt und wir letztendlich getrennt fahren. Nach längeren Anstiegsstrecken warte ich dann wieder ungeduldig auf Andreas und beginne zu frieren. Anders herum möchte ich auch nicht bis zu Pass vorfahren, da ich mir schon Sorgen um ihn mache. Wir haben bereits eine ganz schöne Strecke hinter uns und Andreas scheint an den Reserven zu zehren, während ich noch gut dabei bin. Keine gute Kombination heute Abend. Als wir endlich am Pass-Tunnel ankommen, ist es stockdunkel und nasskalt.


Gongtchi-Tunnel

Nun folgt eine extrem lange Abfahrt, zurück auf etwa 200 Meter. Wir müssen hintereinander fahren, da Andreas' Frontscheinwerfer hat seinen Geist aufgegeben hat und ich selbst mit meinem Scheinwerfer den Unebenheiten im Asphalt oft erst im letzten Moment ausweichen kann. Die letzten Kilometer flacher Strecke bis Inje sind eine Tortur, doch wir müssen in die Stadt. Für Wildzelten ist die Gegend zu dicht besiedelt. Ein Hotel findet man auf dem Land nicht. Endlich in Inje angekommen, finden wir auch tatsächlich ein kleines Hotel: Das sogenannte Topnight Hotel.


Bildungsprogramm für die kleinen Fahrräder

Mir sträuben sich die Nackenhaare. Alles an diesem Hotel erinnert mich schon von außen an ein Stundenhotel. Just in diesem Moment kommt eine fließend Englisch sprechende Koreanerin vorbei, welche gerade aus den USA in Inje auf Besuch ist. Sie fragt auch warum, ich so irritiert dreinblicke:
"Well, we were a little but confused by the... ehm... outstanding design of the hotel..."
"Oh, no... the hotel is ok! Families go there, too and they are very friendly in there!"

Zum Abschied ruft sie uns noch ein "God bless you!" hinterher. Ist das nun auf den koreanischen, oder auf den amerikanischen Einfluss zurückzuführen? Der Buddhismus scheint hier ausgedient zu haben - auf dem Land stehen überall Kirchen. Die Missionare haben gute Arbeit geleistet...

Sofern in Korea schon Spermien zur Familie zählen, ist dies hier sogar ein sehr, sehr familienfreundliches Hotel. Wir sind beeindruckt von dem lieblich, in rotes Licht getauchten, Flur und der großen Auswahl an DVDs, die man sich ausleihen kann. Gleich neben dem Bett stehen Kosmetik-Tücher, für den Fall, dass sich eines der Kinder mal einen Schnupfen holt. Während ich mich von vier Duschköpfen von allen Seiten lustig mit Wasser bespritzen lasse, ruft Andreas von draußen:
"Sascha, weißt du was?"
"Nee, ich weiß nix."
"Wir haben sogar einen Fernsehsender. Da sind die schon ausgezogen!"

Aufklärungsprogramm für die Kleinen vielleicht? Andreas und ich können uns beim Einschlummern in dem, auf Betthöhe hängenden, Spiegel begutachten. Ich bin schon fast ein wenig enttäuscht, dass das Bett kein Vibrationsprogramm hat, welches uns in den Schlaf wiegen könnte.

Tag 6:
Gangchon - Inje


Zurück | Übersicht | Weiter