Auf nach Osten!

Heute soll unsere Tour durch Korea endlich beginnen. Doch wir müssen gestehen, dass wir schon beim ersten Streckenabschnitt schummeln werden: Da es aus Seoul heraus scheinbar nur Autobahnen und, nicht auf Karten verzeichnete, Labyrinthe von Kleinstraßen gibt, werden wir es versuchen, uns mit der U-Bahn zum Busbahnhof und von dort per Bus in das etwa 60km entfernte Gangchon durchzuschlagen.

Wieder einmal herrscht eine Affenhitze. Bereits nach Sekunden sind Andreas' Klamotten durchgeschwitzt. Bei mir sieht es auch nicht anders aus. Wir schaffen es erstaunlich gut uns mit den Rädern auf die erste größere Straße einzufädeln. Von rüpelhaften Autofahrern keine Spur. An der U-Bahn-Station entscheiden wir uns spontan die etwa 10km zum Busbahnhof, quer durch die Großstadt, mit den Rädern zu fahren. Im Vergleich zu den wenigen Rad- und Mopedfahrern haben wir zwar keinen Mundschutz gegen den immerwährenden Smog. Trotzdem finden wir so langsam Spaß daran, uns quer durch stehende Fahrzeugkolonnen zu schlängeln.
Erst versuchen wir den Hangang zu finden. An diesem Fluss verläuft innerhalb Seouls ein Radweg, dem wir zum Busbahnhof folgen könnten. Doch kaum sind wir am Fluss angekommen, finden wir keinen Weg über die ebenfalls am Fluss verlaufende Autobahn zum dahinter gelegenen Radweg. Prompt finden wir uns auf einer Autobahn wieder, ohne Möglichkeit zum Umkehren. Trotzdem, nach einem Tunnel haben wir die Autobahn wieder verlassen, geben die Suche nach einer Auffahrt zum Radweg auf und suchen uns den Weg durch kleine Straßen.

Schweißüberströmt erreichen wir endlich einen riesigen Busparkplatz: Das Dong-Seoul Bus Terminal. Mir gelingt es mit Zeichensprache und der mehrmaligen Aussprache des Namens "Gangchon" in verschiedenen Tonlagen, zwei Bustickets in besagten Ort zu erstehen. 20 Minuten später packen wir unsere Räder in das Unterfach des Reisbusses. Der Busfahrer deutet andauernd auf die Uhr, als wolle er sagen:
"Wir sind hier nicht so schluderig, wie ihr in To-Gil (Deutschland)! Hier herrscht Ordnung und Pünktlichkeit!"
Da wundert es, dass wir den Bus auch ohne preußischen Stechschritt betreten dürfen.


Und plötzlich ist man Analphabet: Busticket nach Gangchon

Wir sind glücklich mit der Busfahrt die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Als wir Seoul längst verlassen haben, rollen wir immer noch durch dichten Verkehr und passieren eine Kleinstadt nach der anderen. Wo in Deutschland hier mal und da mal eine Bausünde steht, ist Korea davon übersät. Erst vor Gangchon wird es langsam grüner - sofern sich das bei der diesigen Luft und dem Staub vieler Baustellen überhaupt beurteilen lässt.


Anfangs fällt das Lesen der Karten in Hangul-Schrift nicht leicht

Gangchon liegt inmitten von hohen Bergen im Flusstal des Bukhangang. Der Bus setzt uns auf der anderen Seite des Flusses an einem staubigen Busstopp ab.
Der kleine Ort ist ein beliebtes Ziel koreanischer Studenten für Ausflüge ins Grüne. Am Straßenrand werden Hunderte von Fahrrädern zum Mieten feilgeboten. So wundert es auch nicht, dass es zur Jugendherberge einen eigenen Radweg gibt, was uns allerdings nicht viel bringt, da die Herberge ausgebucht ist. Doch davon lässt sich der freundliche Herbergsvater nicht irritieren. Des Englischen nicht mächtig, spricht er per Handy eine ganze Weile mit der Tourismusinformation in der nächsten größeren Stadt Chuncheon, ohne dass wir überhaupt davon wissen. So bin ich dann doch ein wenig irritiert, als er mir plötzlich sein Handy ans Ohr drückt und ich eine mehr oder weniger englisch sprechende Stimme am anderen Ende der Leitung habe. Die feilgebotenen Übernachtungsmöglichkeiten der Dame sind in der Regel zu teuer oder zu weit weg (30km aufwärts). Wir verlassen uns lieber auf die Angaben in unseren Reiseführer und fahren zum White Bell Minbak (trotz des Namens spricht man auch hier wie überall kein Wort Englisch).

Wir bekommen ein geräumiges Zimmer in der Größe eines Appartements. Das "Bett" liegt noch fein säuberlich zusammengefaltet in der Ecke. In Korea schläft man in der Regel nicht auf platzraubenden Bettgestellen, sondern breitet sich abends sein Bett - eine Steppdecke als Matratze und eine dünne Decke zum zudecken - auf dem Boden aus. Dazu kommt ein kleines Kopfkissen, welches oftmals so hart und schwer ist, als wäre es mit Kieselsteinen gefüllt. Das Betreten einer Wohnung ist absolut tabu, solange man sich nicht die Schuhe in der dafür vorgesehen Fläche am Eingang ausgezogen hat. Koreanische Fußböden sind so sauber, dass man auf Ihnen Essen kann. Doch stören sich dabei nur die wenigsten Hotelbesitzer daran, wenn wir unsere verdreckten Räder mit ins Zimmer nehmen...

Tag 5:
Seoul - Gangchon


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