Grenzgänger

Einige Lebensweisheiten bekommt man erst durch schmerzliche Erfahrung. Eine davon ist, dass sich viel Chili und Milch nicht vertragen. Todmüde sind wir gestern Abend ins Bett gefallen. Während Andreas schon nach Minuten beginnt zu schnarchen, wälze ich mich auf der Matratze von der einen zur anderen Seite. Der Magen grummelt. Kaum schließe ich die Augen, sehe ich bunte Lichter wie in einem Periskop vor meinem inneren Auge tanzen.
Nach einer grauenvollen Nacht mit nicht mehr als einer Stunde Schlaf für mich, quälen wir uns gegen 6 Uhr aus den Betten. Um 7 Uhr müssen wir am so genannten Camp Kim sein - einer riesigen US-Kaserne im Zentrum Seouls. Von hier aus startet unsere Tour nach Panmunjom, an die Grenze Nordkoreas. Missmutig ziehe ich mir das feine Hemd über, welches ich extra aus Deutschland mitgebracht habe. Bei Buchung der Tour wurde uns eingetrichtert, dass wir feine Klamotten tragen müssen. Also keine Jeans, keine T-Shirts, keine Turnschuhe und so weiter. Der Nordkoreaner könnte sonst den Eindruck bekommen, dass im Süden nur abgewetzte Gestalten leben, was man beim US-Militär natürlich nicht möchte...
Der Taxifahrer fährt uns nicht nur zum falschen Gate, sondern auch gleich zur falschen Kaserne. Kaum, dass wir angekommen sind, taucht auch schon das nächste Problem auf: Man hat unsere Buchungen verschlampt und die USO - der Organisator dieser Touren - behauptet hartnäckig, dass wir nicht im Voraus bezahlt hätten. Erst durch die standfeste Hartnäckigkeit von Andreas können wir dann doch mitfahren.




In einem Bus der USO verlassen wir Seoul und nehmen die Autobahn nach Norden. Gespenstisch tauchen im Morgennebel die Wachtürme wie stark bewachte Bastionen zwischen dem Stacheldraht auf. Einer nach dem anderen, alle ein bis zweihundert Meter voneinander entfernt. Auf der anderen Seite des Flusses liegt zwar ebenfalls noch südkoreanisches Territorium, doch die panische Angst vor nordkoreanischen U-Booten bewirkt, dass die Befestigungsanlagen bis weit ins Inland gebaut wurden. Je weiter wir nach Norden kommen, desto leerer wird die Autobahn. Kein Wunder, sind doch die einzigen übrigen Ziele im Norden nur noch die Grenze selbst und... Pyöngyang...
Durch Panzersperren schlängelt sich der Bus in das Camp Bonifas. 5000 amerikanische und südkoreanische Soldaten sollen hier stationiert sein - nur ein Bruchteil der nahezu zwei Millionen Soldaten, die sich auf der 248 Kilometer langen Grenze gegenüberstehen. Von wegen DMZ - "Demilitarized Zone"!
Der inmitten des Camps hervorragende Wasserturm trägt einen eindeutigen Schriftzug: "Camp Bonifas - In Front of them All". Hier übergibt uns unser koreanischer Reiseleiter an zwei US-Soldaten, die uns an die Grenzlinie führen werden.

Nirgendwo sonst kommt man so nahe an die nordkoreanische Grenze, wie in Panmunjom. Auf der Mitte der Grenzlinie wurden dort einige Baracken aufgebaut, welche als Häuser Begegnung dienen, aber nur zögernd von den Mächtigen beider Seiten genutzt werden. Hier merkt man, wie gestört das Verhältnis zwischen Nord- und Südkorea wirklich ist. Angesichts der potenziellen Gefahr müssen wir noch ein Dokument unterzeichnen, bevor wir uns im Rahmen der geführten Tour den Baracken nähern dürfen. Darin stehen Dinge, wie:

The visit to the Joint Security Area (JSA) at Panmunjom will entail entry into a hostile area and possibility of injury or death as a direct result of enemy action. [...] Although incidents are not inticipated, the United Nations Command , the United States of America, and the Republic of Korea cannot guarantee the safety of visitors and may not be held accountable in the event of a hostile enemy act.[...] Fraternization, including speaking or any association with personnel from the Korean People's Army/Chinese People's Volunteers (KPA/CPV) side, is stricty prohibited. [...] Visitors will not point, make gestures, or expressions which could be used by the North Korean side as propaganda material against United Nations Command [...].

Ich frage mich, wann die USA das letzte Mal einen so großen Wert auf die Nennung der United Nations gelegt haben. Hier wirkt sie mehr wie ein Schutzschild...

Nach der kurzen Einweisung in die Geschichte und einer weiteren mündlichen Instruktion zum Sicherheitsverhalten an der Grenzlinie geht alles ganz schnell. Wir werden mit einem JSA (Joint Security Area)-Bus die letzten zweihundert Meter zu den Baracken gefahren, reihen uns in militärische Zweierreihen ein und marschieren schnell in die Baracken, wobei man die Soldaten nur kurz in den Augenwinkeln wahrnimmt und gar nicht weiß, wie einem geschieht. Plötzlich steht man in einer der kleinen blauen Baracken und ich bei einem Blick nach draußen sehe ich auf einmal: Ich stehe in Nordkorea!
Oder genauer: Auf der anderen Seite des durch die Mitte verlaufenden Tisches. Neben mir steht ein südkoreanischer Soldat in steifer Tae Kwon Do-Haltung - bereit dazu, jedem Anwesenden binnen Sekunden eins über die Rübe ziehen zu können.
Nur wenige Meter weiter stehen draußen die nordkoreanischen Soldaten, einige beobachten uns mit Ferngläsern aus Gebäuden und Wachtürmen. Direkt nebenan, und doch für einen freundlichen Händedruck unerreichbar weit weg. Wollte man mit Ihnen sprechen, müsste man erst zurück nach Seoul, um von dort nach Beijing zu fliegen. In Beijing würde man mindestens 8 Wochen auf ein nordkoreanisches Visum warten, welches einem die Teilnahme in einer geführten Reisegruppe aufzwängt und nach einem weiteren Flug oder einer Bahnfahrt über Pyöngyang würde man bei den nur wenige Schritte von hier entfernten Nordkoreanern stehen. Verrückt!


...Kalter Krieg...

Nach dieser erdrückenden Situation ist es schon fast erleichternd, als wir nur Minuten später unter drückender Hitze auf einem Aussichtshügel stehen. Von hier haben wir einen guten Blick nach Nordkorea. Störche fliegen über die im wahrsten Sinne des Wortes grüne Grenze. Die Ironie an der Geschichte: Nirgendwo sonst in der gemäßigten Klimazone gibt es eine so gut erhaltene Natur, wie hier. Die Tiere kümmert die Grenze nicht. Sie überqueren die Grenze in jeder ihnen passenden Richtung, ohne dabei vom Menschen gestört zu werden.
"Do not point!" ermahnt der die Gruppe leitende US-Soldat Andreas, als der ihn nach einem bestimmten Gebäude fragt und es wagt, eine zeigende Geste zu machen. Undenkbar für den Soldaten. Die Angst ist zu groß, dass die Nordkoreaner und mit Teleobjektiven für Propagandazwecke fotografieren. Auch die beiden nordkoreanischen Soldaten an den Baracken hatten ihre Ferngläser die ganze Zeit auf das Gruppenmitglied mit größten Teleobjektiv gehalten und jeden seiner Bewegungen von links nach rechts verfolgt: Mich...


Do not point?



Etwa einen Kilometer vor uns entfernt liegt das verlassene nordkoreanische Dorf Gijong. Die Häuser waren nie bewohnt. Sie dienten lediglich Propagandazwecken für die, von Süden herüberschauenden, Besucher. Bis vor kurzem wurden der Besucher hier 12 Stunden am Tag mit extrem starken Lautsprechern mit Lobpreisungen über den geliebten Führer "versorgt". In der Mitte des Dorfes steht mit 160 Metern Höhe der höchste Flaggenmast der Welt. Auf dessen Spitze eine 300kg schwere nordkoreanische Flagge. Einen ähnlichen Flaggenmast gibt es auch auf der südkoreanischen Seite. In einem irrwitzigen Wettlauf haben sich die beiden Seiten mehrere Jahre lang mit immer größeren und höheren Flaggen überboten, bis es der südkoreanischen Seite zu dumm geworden ist und die Nordkoreaner "gewinnen" ließen.
Nach dem Motto "Wer hat den Größten?"


Bridge of no Return. Wer diese Brücke bei Kriegsende überquerte, durfte nie wieder zurück.


Der Korea-Krieg

Nach Japans Kapitulation wurde die koreanische Halbinsel ein Opfer von Geopolitik und Ideologiekampf. Das Land wurde in einer Dringlichkeitssitzung von zwei US-amerikanischen Generälen in zwei Hälften aufgeteilt. Diese Teilung wurde der Sowjetunion vorgeschlagen, welche dieses akzeptierte. Nach dem 8. September 1945 verwalteten die Vereinigten Staaten die südliche Hälfte, während die Sowjetunion sich des Nordens annahm. Diese Teilung entlang des 38. Breitengrads war ursprünglich als temporäre Lösung gedacht.

Am 1. Dezember 1945 wurde in Kairo von den Besatzungsmächten beschlossen, dass Korea in Bälde (in due course) frei sein sollte. Später arrangierten sich die USA und die Sowjetunion auf eine gemeinsame Verwaltung für vorerst fünf Jahre. Dieses gemeinsame Unterfangen erwies sich als fruchtlos, und im September 1947 brachten die Vereinigten Staaten die Koreafrage vor die UNO Generalversammlung.

Die ursprüngliche Hoffnung auf ein vereintes Korea verpufften bald in der Politik des Kalten Kriegs. Separate Wahlen fanden im Norden und Süden des Landes statt. Im Süden verwehrten die Amerikaner den Koreanern Selbständigkeit. Stattdessen unterstützte das Amerikanische Militär den Exilkoreaner Syngman Rhee, welcher zuvor auf Hawaii lebte. Rhee wurde im August 1948 als erster Präsident vereidigt, nachdem die Wahl von vielen Seiten boykottiert wurde. Das Ergebnis war ein Militärregime, welches sich bis in die 80er Jahre hielt (Anm: USA als Überbringer der Demokratie?). Im Norden hielten sich die Sowjets seit Beginn ihrer Verwaltung eher im Hintergrund. Im Februar 1946 wurde eine provisorische Regierung um Kim Il-sung gebildet, die später mit verdächtigen 100 Prozent Zustimmung bestätigt wurde.
Nordkoreanische Truppen überschritten am 25. Juni 1950 den 38. Breitengrad und griffen den Süden an. Damit begann der bis 1953 währende Koreakrieg.

Mehr zum Korea-Krieg bei Wikipedia


Gegen Mittag verlassen wir den inneren Bereich der DMZ und fahren weiter zum Odusan Unification Observatory. Weiter, als bis zu diesem Punkt, darf kein ziviler Südkoreaner. Der Eintritt in die DMZ ist den Koreanern kurioserweise verwehrt, während sie ausländische Touristen betreten dürfen. In einem extrem koreanisch akzentuierten Englisch erklärt uns ein südkoreanischer Soldat die Umgebung. Nicht weit von uns entfernt verläuft die Autobahn Seoul - Pyöngyang über die Grenze. Doch hat diese "Geisterautobahn" keinen Verkehr und liegt verlassen da. Eine verbindende Straße zwischen Seoul und Pyöngyang besteht also, doch Grenzverkehr undenkbar. Kein Auto würde die verminte und gut bewachte Grenzlinie unbeschadet überqueren.
Der letzte Haltepunkt in unserem Programm ist einer von mehreren Tunneln, die die Nordkoreaner zu Invasionszwecken bis heute unbeirrt unter der Grenze hindurch graben. Allerdings wurden diese Tunnel bisher einer nach dem anderen entdeckt. Wir steigen in einen von der südkoreanischen Armee extrem tief in die Erde gebohrten Tunnel, bis wir letztendlich auf den durch diese Bohrung freigelegten nordkoreanischen Tunnel treffen. Im Gegensatz zum südkoreanischen Zugangstunnel wurde dieser Tunnel von Hand ohne zurhilfenahme von modernen Werkzeugen gegraben. Die zerklüfteten Felswände eindrucksvoll beweisen das eindrucksvoll. Wer weiß, wie viele Arbeiter hier unten umgekommen sein mögen? In der Mitte ist der Tunnel mit einer dicken Zementwand versperrt worden. Wir müssen bis zu dieser Wand elendig lange in geduckter Haltung laufen, während die kleineren Koreaner aufrecht laufen können. Gemein.
Kaum hält man sich mit den Händen an einer Felswand fest, um in den Pfützen nicht auszurutschen, hat man schwarze Farbe an den Händen - Die nordkoreanische Regierung behauptet bis heute, diese Tunnel seien harmlose Steinkohle-Bergwerke...


Das War Memorial Museum in Seoul

Diese schweren Eindrücke im Kopf, fahren wir zurück nach Seoul. Kaum, dass wir die US-Basis in der Innenstadt wieder verlassen haben, treffen wir auf das War Memorial Museum - weithin erkennbar an heldenhaften Bronzestatuen amerikanischer Soldaten und einem alles überragenden B-52 Bomber.


Kaiserliches Dinner

Noch immer beeindruckt von Panmunjom, und gerade zurück im angenehm klimatisierten Guesthouse, müssen wir uns auch schon wieder fein machen. Andreas ist freier Journalist und möchte über unsere Reise in einer Zeitschrift berichten. Prompt war das koreanische Fremdenverkehrsamt in Frankfurt von der Idee begeistert und man hat uns zu einem kaiserlichen Dinner in Seoul eingeladen.
Im Tourismusministerium treffen wir auf Herrn Kim Jeong Eui und auf Frau Jae Hyoung Kim. Zwei sehr freundliche Mitarbeiter, die uns ein wenig durch die Straßen Seouls führen. Die Namensgebung "Kim" ist in Korea übrigens etwas verwirrend: Mehr als die Hälfte der Koreaner haben Kim oder Park entweder als Nachname oder Vorname...


Kaiserliches Dinner

Herr Jeong Eui kann ein wenig Deutsch und es interessiert ihn natürlich besonders, was wir mit unseren Fahrrädern in Korea vor haben. Schließlich möchten wir mit unseren Rädern den südlichen Teil des Landes einmal von Nord nach Süd durchqueren. Nicht, dass Touristen aus Deutschland schon unüblich genug wären - der komplette koreanische Tourismus ist eigentlich nur auf Koreaner, Japaner und Chinesen ausgelegt - nein, wir möchten das Land auch noch mit dem Rad durchqueren!
Als ich erwähne, dass der Radreise-Tourismus in Deutschland besonders an den Flussradwegen zu einem blühenden Tourismuszweig aufgestiegen ist, scheint man mir kaum zu glauben. Zu abwegig scheint es, dass auf dem Rad reisende Menschen in der Regel mehr Geld für Ihren Urlaub ausgeben, als der übliche Pauschaltourist.




Andreas, Jae Hyoung Kim und Kim Jeong Eui

Nach einem extrem noblen Essen im Korea House (am Ende konnten wir die unglaubliche Anzahl der verschiedenen Gänge gar nicht mehr zählen), lädt man uns zu einer koreanisch-traditionellen Musik- und Tanzvorführung ein.
Es ist unglaublich, welche körperlichen Höchstleistungen diese Tänzerinnen und Tänzer vollbringen. Dies kann mit Worten und Fotos nicht beschrieben werden! Trotzdem fällt es uns bei ruhigen Musikstücken schwer, die Augen offen zu halten. Der Tag war einfach zu anstrengend...

Tag 4:
Seoul / Panmunjom


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