Seoul

Heute ist der koreanische Nationalfeiertrag zur Befreiung von der japanischen Besetzung vor heute genau 60 Jahren. Wir haben tief und fest geschlafen und begeben uns in die Küche des Hostels, wo uns das in der Übernachtung inkludierte Frühstück erwartet: Toast, Margarine und fadige Marmelade. Um überhaupt noch etwas Geschmack ins Essen zu bekommen, versehe ich mein Toastbrot mit einer guten Portion Salz aus einem Frankfurter "Nordsee"-Restaurant - und schwups bin ich wach.


Christo und Jeanne-Claude auf koreanisch: Rathaus von Seoul

Die japanische Besetzung Koreas
Nach der Annexion 1910 war Korea eine japanische Kolonie bis zum 15. August 1945, als Japan offiziell im Zweiten Weltkrieg kapitulierte.

Während der Kolonialzeit wurden den Koreanern viele Rechte verwehrt. Dies beinhaltete unter anderem das Recht auf Versammlung und Organisation, Redefreiheit und eine unabhängige Presse. Das japanische Schulsystem wurde eingeführt und Fächer wie Koreanische Geschichte und Sprache mussten den entsprechenden japanischen Gegenstücken weichen.

Transport- und Kommunikationsnetzwerke wurden im ganzen Land aufgebaut. Dies unterstützte den japanischen Handel und die Kolonialwirtschaft. Koreanern war es verboten, im Handel tätig zu sein. Viele Bauern verloren ihr Land, nachdem sie von den Japanern enteignet wurden. Dies war vor allem dann der Fall, wenn die Bauern das Land nicht von der Kolonialmacht registrieren ließen. Ein fundamentales Problem war, dass die Japaner gemeinsamen Grund, wie er in Korea weitverbreitet war, nicht anerkannten.

Nach dem Tod des ehemaligen König Gojong fanden am 1. März 1919 landesweit Demonstrationen gegen die japanische Besatzung statt. Eine Unabhängigkeitserklärung wurde in Seoul ausgerufen. Es wird geschätzt, dass zwei Millionen Leute sich auf die Straßen begaben. Der friedliche Protest wurde von Japan brutal unterdrückt. Es wird geschätzt, dass 47.000 Menschen verhaftet, 7.500 getötet und etwa 16.000 verwundet wurden.

Demonstrationen gegen Japan nahmen aber kein Ende. Ende November 1929 revoltierten die Studenten im ganzen Land. Die eiserne Herrschaft wurde im Jahre 1931 wieder eingeführt. Nach dem Zweiten Sino-Japanischen Krieg 1937 und während des Zweiten Weltkrieg versuchte die Kolonialmacht, Korea als Nation auszulöschen. Die Verehrung der japanischen Shinto-Schreine wurde obligatorisch. Das Schulsystem wurde radikal überholt, um der veränderten Politik gerecht zu werden. Japanische Namen wurden den Koreanern aufgezwungen, während traditionelle koreanische Feste verboten wurden. Zeitungen durften nicht mehr in Koreanisch erscheinen, und Koreanische Geschichte wurde als Fach aus den Universitäten verbannt. Hunderttausende von Koreanern wurden nach Japan verfrachtet und mussten in japanischen Minen und Fabriken arbeiten. Viele Männer wurden ins japanische Militär zwangsrekrutiert, um gegen die Republik China zu kämpfen, während viele Frauen zur Zwangsprostitution beziehungsweise sexuellen Sklaverei gezwungen wurden und als so genannte Trostfrauen japanischen Soldaten dienen mussten.

Während der japanischen Besetzung existierte eine provisorische Exilregierung in China. Außerdem gab es umfangreiche Partisanenaktivitäten, gestützt vor allem von aus Nordchina und Russland aus operierenden kommunistischen Guerillatruppen. Am 11. Dezember 1941 erklärte die Exilregierung den Japanern den Krieg und kämpfte mit seiner Koreanischen Restaurationsarmee mit den Alliierten. Nach dem Kollaps Japans drangen sowjetische Truppen von Norden her nach Korea ein, wo sie auf wenig Widerstand trafen. Dieses wurde von den USA sanktioniert. Japan kapitulierte offiziell am 15. August 1945 und 35 Jahre Kolonialherrschaft waren formell vorüber. Korea wurde dann in einer amerikanischen Dringlichkeitssitzung entlang des 38. Breitengrads provisorisch aufgeteilt.

Quelle: Wikipedia



Wir fahren mit der Metro zur City Hall und stürzen uns in das Erlebnis eines koreanischen Feiertages. Das Ganze kann man sich in etwa wie Neuschwanstein an einem sonnigen Sommertag vorstellen - allerdings mit dem tausendfachen an Koreanern. Am Springbrunnen vor der City Hall hüpfen die Kinder quietschvergnügt durch das spritzende Wasser eines Springbrunnens. Mindestens genauso viele Menschen stehen außen herum - ihre Kameras auf der Suche nach guten Motiven gezückt. Das ist das Schöne an Südkorea: Man muss sich mit einer Kamera nicht als außenstehendes Alien fühlen. Man kann so viel fotografieren, wie man will, und fällt dabei trotzdem kaum auf. Überall sind Leute, die ihre Erlebnisse mit dem Handy knipsen, auf Video bannen oder eine Spiegelreflex mit überdimensionalem Objektiv in den Händen halten. Bei dieser Masse an fototauglichen Handys und Kameras scheint es unglaublich, dass Korea überhaupt nur einen Quadratzentimeter Land besitzt, der noch nicht fotografiert wurde.





Schon früh am Morgen ist die Hitze extrem drückend. Alte Menschen sitzen unter schattenspendenden Bäumen auf Parkbänken, während um die herum Hektik und Betriebsamkeit herrscht. Kaum lugt die Sonne zwischen den Wolken hervor, wird es noch heißer. Dazu ist es extrem feucht und schon nach kurzer Zeit haben wir unsere T-Shirts triefend nass geschwitzt. Es ist uns unverständlich, wie in den Gesichtern der Koreaner nicht eine einzige Schweißperle zu entdecken ist. Und das, obwohl die Temperaturen auch hier im Winter leicht auf 0C oder tiefer absacken.

Damit nicht genug. Einige betreiben vergnügt den Volkssport des Neolttwigi. Bei diesem besonders bei Frauen beliebten Sport wird ein Holzbrett über einen mit Reisstroh gefüllten Sack gelegt. Die beiden Frauen stellen sich jeweils an ein Ende des Brettes. Dann springt eine hoch und schleudert die andere durch ihr zurückfallendes Gewicht in die Luft und so geht das weiter und weiter. Aber nur aus Spaß wurde diese Sportart nicht erfunden: Früher war diese Wippe für die Hoffrauen das Tor zur Außenwelt - bot sie ihnen doch die einzige Möglichkeit einen Blick über die Palastmauern in die Außenwelt zu erhaschen.

In den großen Städten gibt es diesen Volkssport heute kaum noch. Doch es ist erstaunlich, mit welcher Kraft selbst alte Frauen noch ihr Gleichgewicht auf dieser Wippe beweisen können und sich dabei hoch in die Luft schleudern.

Während dem Mittagsessen in einem Food Court eines unterirdischen Einkaufszentrums, werfe ich einen verwirrten Blick auf mein Essen: "Fried Noodles with Seafood" stand auf der Tafel. War ich schon so froh, überhaupt eine englische Bezeichnung gefunden zu haben, freue ich mich über das Ergebnis umso weniger. Aus den Nudeln starren die kleinen Ärmchen eines frisch gebratenen Oktopusses hervor. Slurp!





Direkt nördlich des modernen Stadtzentrums befindet sich der Gyeongbok-Palast (Gyeongbokgung), welcher erst vor kurzem wieder komplett aufgebaut wurde. Ungeachtet dessen strömt heute eine Unzahl an Ausflüglern und Touristen in den Palast - ein städtisches Kleinod an grüner Natur und künstlicher "Ursprünglichkeit". Wir haben gerade ein schönes Plätzchen im Schatten gefunden, als plötzlich viele Flaggen über den Menschenmengen vor uns auftauchen und Lärm zu hören ist (vorrangig das Klicken japanischer Kameras). Die Palastwache tritt zum Wachwechsel an...






Bart - echt, oder nicht?


Zwei Gin-Ko's in Korea
In Seoul ist alles noch relativ leicht. Wir leben in einem Backpacker's Guesthouse mit vielen internationalen Gästen. Praktisch jeder dort spricht Englisch oder eine andere für Europäer verständliche Sprache. Doch kaum treten wir vor die Haustür, fangen die Probleme an.
Auf ein "Do you speak English" bekommt man oft nur ein schüchternes Kopfschütteln oder gekreuzte Hände zu sehen. Englisch? Doch sind die Kommunikationsprobleme in Seoul noch wenig gravierend. Irgendwie treibt man immer einen Menschen auf, der zumindest ein paar Worte Englisch spricht. Manchmal können wir sogar Restaurants ausfindig machen, deren Speisekarte auf Englisch zu bekommen ist. Leicht fällt das nicht.
Scherzhaft beginne ich in Seoul meine Statistik gesichteter "Gin-Ko's" außerhalb des Guesthouses. Zu Beginn sind es noch gut 5 pro Tag. Später - wir haben Seoul bereits seit einer Weile verlassen - werden es keine 5 mehr pro Woche sein. Welche Kommunikationsprobleme das für uns darstellt, kann man sich unschwer ausmalen. Wir sind gezwungen das koreanische Alphabet zu erlernen, um überhaupt Hotels als solche zu erkennen. Auf den Speisekarten zeigen wir nur noch auf die Zeichen, welche uns vom Preis her am attraktivsten erscheinen. Was wir da essen? Keine Ahnung!
Während es in lateinischem Alphabet nur wenige gute Straßenkarten gibt, sind auf Koreanisch hochdetaillierte Straßenkarten bis zu einer Auflösung von1:25.000 für einen kleinen Preis zu bekommen. Einige Bezeichnungen in diesem Reisebericht basieren auf aus einem koreanischen Atlas entnommenen Ortsnamen und sind nicht zwangsweise das richtige lateinisch geschriebene Pendant.
Das Ganze ließe sich unendlich fortsetzen. Eine Erkenntnis bleibt: Man kann für dieses Land als Reisevorbereitung nie genug Koreanisch lernen...



Ein Platz im Grünen...

Wir fahren mit der Bahn weiter nach Yeoniaru. Noch einmal wollen wir es versuchen, das "63 Building" zu erreichen. Dafür müssen wir einen längeren Fußmarsch entlang des Hangang bewältigen. An den Ufern des gewaltigen durch Seoul kriechenden Flusses herrscht heute rege Betriebsamkeit. Diese ist eine der wenigen schönen Stellen Seouls "in der Natur", an denen man sich erholt. An den Anblick von Beton und Smok scheinen sich die Bewohner Seouls längst gewöhnt zu haben - oder sie sehen ihn einfach nicht mehr. Radfahrer radeln auf dem Flussradweg - so sicher verpackt in Mundschutz, Helm und Sonnenbrille, dass sie jedem Beduinen alle Ehre machen könnten.


Blick vom "63 Building"

Am Abend gehen Andreas und ich noch ein wenig Essen. Wir wollen unsere Mägen für den bevorstehenden Tag füllen. Schließlich erwarten uns die Tour an die nordkoreanische Grenze und ein Treffen mit dem koreanischen Tourismusministerium. Blauäugig, wie wir sind, gehen wir in das nächstbeste Restaurant, in welchem natürlich niemand Englisch spricht. Ich wähle das koreanische Nationalgericht Bibimbap und habe in Kürze einen lecker duftenden, prall mit gebratenem Reis, Gemüse und Spiegelei gefüllten Teller vor mir. Ich haue rein...
Nach einer Weile bemerke ich, dass das Essen gar nicht so unscharf ist. Ich beginne die Chili-Schoten und die Chili-Körner aus dem Essen zu pulen. Damit hat das Gericht schon einen Großteil seines Volumens verloren. Trotzdem habe ich nach jedem weiteren Bissen das Gefühl Feuer und Flamme speien zu müssen. Es liegt an der roten koreanischen Pfeffersoße, die über allem liegt.
"Trink doch ein wenig von der gerade gekauften Milch. Ist super gegen die Schärfe", lässt mich Andreas wissen. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen und haue rein. Pro Bissen brauche ich einen ordentlichen Schluck Milch um die Schärfe ein wenig zu neutralisieren. Nach der ersten Hälfte kann ich nicht mehr. Mein Magen rebelliert...
Jetzt kann natürlich jeder behaupten, dass er schon mal beim Inder war und scharfe Sachen verträgt... Glaubt mir! Indisch und Indonesisch sind absolut mild gegen koreanisches Essen! Thailändisch hiergegen ist geradezu als herzhaft salzig zu bezeichnen. Koreanisches Essen kann einen ungewöhnten Magen derart überfordern, wie ich es nie von einem anderen asiatischen Gericht erlebt habe. Nicht umsonst ist der Magenkrebs in Korea sehr verbreitet...


Lustige Produkte im koreanischen Supermarkt


Tag 3:
Seoul


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